Schon der Untertitel des Werkes hält das Forschungsanliegen fest: Es soll bewiesen werden, dass norddeutsche Kaufleute die Beweggründe für die Etablierung der brutalen deutschen Kolonialherrschaft lieferten. Pieper unternimmt eine Reise von der norddeutschen Vorgeschichte über die frühen kolonialen Ambitionen der Hamburger und Bremer bis zum Aufbau der deutschen überseeischen Besitzungen und zur gegenwärtigen Denkmaldebatte. Der multiperspektivische Ansatz ermöglicht einen weiten inhaltlichen Bogen von Unternehmerbiographien über den Aufbau der Kolonien bis hin zu Verbrechen und Völkermord. Mit dieser Herangehensweise gelingt es Pieper, die eingangs entwickelte These eindrucksvoll zu belegen.
Wie es die Leser von Pieper gewohnt sind, überzeugt das Buch durch den packenden Erzählstil. Dieser wird durch gezielte Perspektiv- und Ortswechsel unterstützt, mit denen uns der Verfasser zu den geographisch weit voneinander entfernten Schauplätzen begleitet. Der Text stellt eine anschauliche, teils tageweise gegliederte Chronik dar, die in großer Dichte direkt an das Geschehen heranführt.
Der Schwerpunkt dabei liegt auf dem Engagement der Hamburger Kaufleute; zu den Bremer Verflechtungen in die koloniale Wirtschaft bleibt hingegen noch Archivarbeit zu leisten. Etwa der Blick in die Briefbücher des Bremers Johann Friedrich Rodewald, der jahrzehntelang in Shanghai im Teehandel engagiert war, mag hier noch manch gewinnbringende Erkenntnis liefern. Problematisch erscheint die weitgehende Ausblendung der aktuellen Debatten und Forschungsdiskurse in den einst kolonisierten Ländern: Wie geht die Öffentlichkeit etwa in Tansania oder in Namibia heute mit dem brutalen deutschen, und eben auch hanseatischen, Kolonialerbe um? Welchen Beitrag haben ethnoarchäologische und historische Untersuchungen in jenen Ländern geleistet?
Jenseits der Vorstellung bereits landläufig bekannter, meist den gesellschaftlichen Eliten zugehöriger Vertreter der einst Beherrschten ist in dem Buch wenig über die Befindlichkeiten der Kolonisierten damals und heute zu finden. Allein der abschließende knappe Blick auf Hamburger Bismarckdenkmal, Straßen- und Gebäudenamen reicht heute nicht mehr aus. Trotz der Einwände bietet das Buch Anregung, weiterzudenken. Eine lohnende Investition.
Rezension: Prof. Dr. Martin Krieger
Dietmar Pieper
Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche
Wie hanseatische Kaufleute Deutschland zur Kolonialherrschaft trieben
Piper Verlag, München 2023, 352 Seiten, € 24,–





