Unter dem schattigen Vordach im Hof ihres Hauses in Assur knetete Lamassi verärgert einen Klumpen noch feuchten Ton zu einer kleinen Tafel, nahm einen Rohrgriffel und begann zu schreiben: “An Puschu-ken, so schreibt Lamassi: Kulumaja bringt Dir neun Stoffe, Iddin-Sin bringt Dir drei Stoffe. Ela weigert sich, Stoffe zu transportieren, ebenso weigert sich Iddin-Sin, noch fünf weitere Stoffe zu transportieren. Warum schreibst Du mir regelmäßig: ‚Die Stoffe, die Du mir schickst, sind nie gut‘? Welcher Kerl ist das, der da in Deinem Haus lebt und die Stoffe, wenn sie bei ihm ankommen, heruntermacht? Was mich angeht, ich tue mein Bestes, um Stoffe herzustellen und Dir zu schicken, damit bei jeder Reise wenigstens zehn Schekel Silber für Dein Haus herauskommen!” Wer da so abgekanzelt wird, war Lamassis Ehemann und einer der bedeutendsten assyrischen Kaufleute im Land der Hethiter. Sechs Wochen später würde ihn der Brief seiner Frau in der 1300 Kilometer von Assur entfernten Handelsniederlassung Kanesch erreichen. Monate-, vielleicht jahrelang verkehrten die Gatten nur brieflich miteinander. Das Selbstbewußtsein Lamassis war keineswegs fehl am Platz. Während der langen Abwesenheit Puschu-kens führte sie allein die gemeinsame Firma in Assur und kümmerte sich gleichzeitig um die Kinder – vier Söhne und eine Tochter – sowie den Haushalt. Sie stellte die Textilien her, die ihr Mann in Anatolien verkaufte. Den Erlös an Silber schickte Puschu-ken an Lamassi zurück, die das Geld erneut in Rohstoffe und Handelsgut investierte. Angesichts der glänzenden Geschäfte schienen Lamassi Haus und Firmensitz in Assur nicht mehr repräsentativ genug, weshalb sie ihrem Mann mit einem Neubau in den Ohren lag: “Seit du weg bist, hat Schalim-achum schon zweimal ein Haus gebaut. Wann können wir nun endlich dasselbe machen?” Inzwischen wuchsen die Kinder heran, doch Puschu-ken zeigte wenig Verlangen, nach Assur heimzukehren. Lamassi erinnerte ihn daran, daß seine Tochter zur Priesterin geweiht werden sollte, bevor sie zu alt war: “Die Kleine ist schon sehr groß geworden. Mach dich auf den Weg und komm, um sie in den Kreis des Gottes Assur zu setzen und die Füße Deines Gottes zu ergreifen!” Puschu-ken und seine Familie kennen wir aus rund 500 in Keilschrift und altassyrischer Sprache abgefaßten Briefen. Sie wurden zusammen mit der Korrespondenz und den Geschäftsurkunden von zahlreichen anderen assyrischen Kaufleuten im südosttürkischen Kültepe, dem alten Kanesch, in der Nähe von Kayseri, der Region des antiken Kappadokien, gefunden. Die ersten dieser Schriftzeugnisse tauchten 1881 auf dem Antikenmarkt auf. Reguläre türkische Ausgrabungen finden in Kültepe seit 1948 statt und haben der Wissenschaft bisher etwa 21500 Tontafeln beschert. Der Fundort ist noch lange nicht erschöpft; erst kürzlich, in den Jahren 1993 und 1994 wurden 2400 neue Texte ausgegraben. Weil die Zahl der Forscher, die diese Texte lesen können, allzu klein ist, liegen die meisten Tontafeln allerdings noch unpubliziert im archäologischen Museum von Ankara. Dennoch ist es der Altorientalistik gelungen, aus dem bereits veröffentlichten Material ein faszinierendes Bild vom assyrisch-hethitischen Fernhandel zu rekonstruieren. Die Blütezeit dieses Handels lag zwischen 1910 und 1740 v. Chr. Diese Zeit ist Teil der Epoche, welche die Vorderasiatische Archäologie die “Mittlere Bronzezeit” nennt. Bronze, eine Legierung aus sechs Teilen Kupfer und einem Teil Zinn, wurde seit vielen Jahrhunderten in Kappadokien hergestellt. Allmählich erschöpften sich jedoch dort die lokalen Zinnminen. Der Bedarf an Zinnimporten wuchs, und die Assyrer konnten diesen Bedarf decken. Sie bezogen Zinn aus Iran und verkauften es den Handwerkern in Kleinasien. 100 Tonnen Zinn sollen nach einer Schätzung in altassyrischer Zeit von Assyrien nach Kleinasien gelangt sein. Das zweite wichtige Handelsgut waren Stoffe, die die assyrischen Frauen und Töchter entweder selbst herstellten oder aus Babylonien importierten. Man rechnet mit rund 150000 Stoffstücken, die während der Zeit des assyrischen Fernhandels in das Hethiterland transportiert wurden. Den Transport führten Karawanen durch, die aus bis zu 300 Eseln bestanden. Führer, Frachtaufseher und Eselstreiber begleiteten sie. Der Weg über Nordsyrien überquerte mehrere Gebirgszüge und war deshalb im Winter nicht gangbar. Schlechte Witterung, Räuber und Wölfe bedrohten die Karawane, die unterwegs nach Möglichkeit in Karawanserais übernachtete. Beim Durchzug durch fremdes Gebiet oder dem Betreten einer Stadt erhoben die einheimischen Herrscher Zölle. Oft versuchten die Karawanen, diese durch Schmuggel zu umgehen. Auch am anatolischen Zielort mußte Zoll entrichtet werden. Wer beim Schmuggeln ertappt wurde, zahlte Strafgebühren oder wurde eingesperrt. Auch Puschu-ken erwischte es einmal in Kanesch: Bei einer von der hethitischen Prinzessin angeordneten Durchsuchung wurden nicht angezeigte Waren gefunden und beschlagnahmt, Puschu-ken wanderte eine Zeit lang in das Gefängnis des Palasts. In Anatolien wurden die importierten Waren mit großem Gewinn verkauft. Für sechs bis acht Schekel Zinn erhielt der Kaufmann einen Schekel Silber. Der mittlere Preis eines Stoffstückes betrug 15 Schekel Silber. Das entsprach einem durchschnittlichen Brutto-Gewinn von 100 Prozent bei Zinn und 200 Prozent bei Stoffen. Auch nach Abzug der Zölle und Transportkosten blieb so ein stattlicher Erlös übrig, der, nach Assur zurückgesandt, erneut investiert werden konnte. Selbst die Esel wurden in Anatolien mit Gewinn abgestoßen…





