Assur war damals ein kleiner Stadtstaat, dessen Bewohner in großem Stil Handel mit Anatolien, Babylonien und Innerasien betrieben. Obwohl die Stadt keine Monopolstellung besaß, beherrschte sie den Zinnhandel mit Kleinasien, vertraglich abgesichert durch Abkommen mit einzelnen anatolischen Fürsten. Begünstigt durch die politische Organisation der Stadt, in der sich Stadtfürst und Stadtversammlung die Macht teilten, waren die assyrischen Kaufleute im Zwischenhandel überaus erfolgreich; ihre finanzstarken Familienhandelshäuser werden mit gutem Grund mit den Fuggern oder den Medici verglichen. Über ihre Investitionsvorlieben, die Routen ihrer Eselskarawanen und ihre Rivalitäten untereinander sind wir besonders durch die reichen Textfunde aus Kültepe (dem alten Karum Kanisch), einer der assyrischen Kolonien in Anatolien, außerordentlich gut informiert (siehe DAMALS 2/2002). In Assur selbst fand man bisher nur wenige Dokumente aus dieser Periode, denn die Überreste aus der altassyrischen Zeit sind tief unter den Ruinen der Bauten des 2. und 1. Jahrtausends verborgen.
Als der amurritische Fürst Samsi-Addu im 18. Jahrhundert ein Reich schuf, das ganz Nordmesopotamien zwischen Euphrat und Tigris umfaßte, eroberte er auch die Stadt Assur. Deren politische und wirtschaftliche Grundlage veränderte sich dadurch von Grund auf, denn das neue Großreich war zentralistisch organisiert, und der Verwaltung unterstand auch die Kontrolle über die Handelshäuser: Ihre Aktionsfreiheit wurde nachhaltig beschnitten, die unabhängigen Firmen wurden durch eine staatliche Handelspolitik ersetzt. Diese Entwicklung wurde auch dann nicht rückgängig gemacht, als andere Machthaber an die Stelle von Samsi-Addus kurzlebiger Dynastie traten: Assurs Bedeutung als Zwischenhandelszentrum ging zusammen mit seiner Unabhängigkeit verloren. Für die nächsten drei Jahrhunderte stand Assur unter südmesopotamischer und später unter hurritischer Oberherrschaft. Für diese Periode sind Quellen aus Assur äußerst rar, und die Einflüsse und Veränderungen, denen die Stadt unterworfen war, treten erst mit dem assyrischen Reich, das in der Mitte des 14. Jahrhunderts entstand, klar zutage. Assur verdankte seine grundlegend neue Stellung in der politischen Geographie des Vorderen Orients dem Herrscher Assur-uballit. Unter seiner Führung wurde es die Hauptstadt eines rasch expandierenden Territorialstaats, dessen allmächtiger Fürst den Titel “König des Landes Assur” führte; wir sprechen nun vom “assyrischen Reich”. Briefe aus der Korrespondenz des ägyptischen Amarna (siehe DAMALS 10/2000) zeigen, daß Assur-uballit die internationale Bühne seiner Zeit unter anderem durch ein Handelsabkommen mit Echnaton betrat; wie zu Samsi-Addus Zeiten unterstand dabei der Güteraustausch mit dem Ausland der königlichen Autorität. Handel wurde, den Konventionen der höfischen Etikette folgend, zum brüderlichen Austausch von Geschenken zwischen den Monarchen stilisiert, das Profitdenken wird aber dennoch deutlich: Als eine Goldlieferung aus Ägypten den Erwartungen Assur-uballits nicht gerecht wurde, teilte er dies dem Pharao postwendend mit: “Das Gold reicht nicht einmal für die Löhne meiner Boten aus! Wenn Dir tatsächlich an Freundschaft gelegen ist, dann schicke mir mehr Gold!”





