Als Ptolemaios etwa um 150 n. Chr. begann, seine „Geographike hyphegesis“, meist „Geographie“ genannt, niederzuschreiben, erlebte das römische Imperium eine Zeit innerer und äußerer Stabilität, der Ruhe und des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Gelehrte wirkte in Alexandria, das nicht nur über die umfangreichste Bibliothek der antiken Welt verfügte, sondern auch ein internationales Handelszentrum war. Hier flossen Informationen über alle damals bekannten Länder der Erde, über die oikumene, zusammen. Es gab also die besten Vor-aussetzungen für Ptolemaios, ein Werk zu verfassen, das bis zum Zeitalter der Entdeckungen das geographische Weltbild des Abendlandes prägte.
Seine „Geographie“ ist keine historisch-ethnographische Beschreibung der oikumene wie etwa das Werk des Strabon (um 64/63 v. Chr. – um 20 n. Chr.), sondern vielmehr eine Anleitung zu deren kartographischer Darstellung. In nüchterner Form nennt Ptolemaios die Grenzen der Länder, die sich interessanterweise bis heute wenig geändert haben, und gibt die geographischen Koordinaten von mehr als 6300 Orten und topographischen Punkten an. Die besondere Bedeutung seiner Arbeit liegt darin, dass sie als einziges (erhaltenes) Werk des Altertums exakte Längen- und Breitenangaben in einem Koordi‧natensystem macht, wie es später die Neuzeit übernommen hat.
Die kartographische Darstellung teilt Ptolemaios in eine Überblickskarte der gesamten oikumene und 26 Einzelkarten auf: zehn Karten für Europa, vier für Afrika und zwölf für Asien. Im zweiten Buch der „Geographie“ findet sich die Darstellung der „Germania Magna“, das heißt Germaniens jenseits der römischen Grenzen; es umfasst nicht nur Teile der heutigen Bundesrepublik Deutschland, sondern auch Teile Dänemarks, Polens, Österreichs, Tschechiens und der Slowakei. Umgekehrt gehören zur heutigen Bundesrepublik auch Gebiete, die sich bei Ptolemaios in der Beschreibung der römischen Provinzen Raetia sowie Germania Inferior und Superior (bzw. Gallia Belgica) finden.
Von besonderem Interesse sind die 94 Orte, die Ptole‧maios für Germania Magna angibt. Ohne Unterschied bezeichnet er alle als polis (Stadt). Dabei handelte es sich jedoch nicht um Städte, wie sie die griechisch-römische Welt prägten – diese waren der germanischen Kultur jener Zeit fremd. Wahrscheinlich waren es größere Siedlungen, politische Zentren, Handelsplätze oder bedeutende Verkehrsknotenpunkte.
Die wichtigste Quelle für Ptolemaios, der wohl nie in Germanien gewesen ist, dürfte die topographische Erfassung durch die Römer selbst gewesen sein. Angesichts der stets latent gefährlichen Germanen waren für mögliche römische Militäroperationen geographische Kenntnisse von entscheidender Bedeutung. Diese wurden durch die römischen Feldzüge, diplomatische Kontakte und auch den Handel gewonnen.





