Dass der Papst dem Kaiser die Krone mit den Füßen auf den Kopf setzte, um seinen Vorrang zu demonstrieren, ist eine nicht ganz ernst zu nehmende Geschichte aus der syrischen Pilgererzählung von Mar Jahbalaha, der am Ende des 13. Jahrhunderts aus der Mongolei nach Westen reiste. Vieles andere ist ernst zu nehmen. Mit diesem Bericht beginnt Weltecke ihr Buch und hebt hervor, was der neugierige Besucher aus dem Osten in Rom und anderswo zur Kenntnis nahm. Erstaunt war er vor allem, dass Fastenvorschriften anders als im Osten praktiziert wurden. Weniger die rechte Lehre als vielmehr die Orthopraxie interessierte ihn. Diese Unterscheidung ist wesentlich für die weitere Argumentation, denn in der religiösen Praxis standen sich die Menschen im Mittelalter meist sehr nah. Dies unterscheidet sich deutlich vom Bild der bisherigen Forschung, die oft nur gelehrte Schriften interpretiert hat.
Die fünf Teile des Buches beschäftigen sich zunächst mit Pilgerberichten aus dem Irak, al-Andalus und Böhmen, um zu zeigen, wie sehr gemeinsame Dynamiken das Leben von Juden, Christen und Muslimen bestimmten. Den gewählten Raum nennt Weltecke eine „neue … historische … Landschaft“. Die Möglichkeiten der Glaubensgemeinschaften, in verschiedenster Weise zu interagieren, sei auch – so das Thema des zweiten Abschnitts – der Tatsache geschuldet, dass feste Lehrautoritäten noch keinesfalls ausgebildet gewesen seien.
Was bedeuten dann aber Ringparabeln? Geht es in ihnen nicht darum, den wahren Glauben zu bestimmen? Im dritten Abschnitt konfrontiert die Autorin ihre Leserschaft mit einer Vielzahl von Erzählungen ähnlicher Art. Die sorgfältigen Interpretationen berücksichtigen auch das soziale Umfeld der Verschriftlichung, das Ziel der Erzählung und vieles andere mehr. Dabei wird Homogenität von Glaubensüberzeugungen in Frage gestellt. Dies gilt auch für Religionsgespräche, die mit Beispielen aus allen verschiedenen Kulturen unterschiedliche Funktionen erfüllten, wie der vierte Teil verdeutlicht. Obwohl sich Nikolaus von Kues und Gilbert Crispin in ihren Aufzeichnungen dieser Gespräche unterschieden, so blieb meist die Perspektive eines Überlegenen. Unterlegene, wie Jehuda Halevi, „spielt[en] nicht mit“. Viele didaktische Werke von Juden, Christen und Muslimen – Thema des fünften Teils – lassen bei aufmerksamer Lektüre eher Verhältnisse zwischen den Kulturen als religiöse Absolutheitsansprüche erkennen.
Am Schluss erscheint die anfangs formulierte These, dass Religion „nicht das Produkt der Offenbarungsschriften, sondern einer auf Ungleichheit beruhenden sozialen Ordnung“ gewesen sei, genauer begründet, vor allem dank der Quellenauswahl und der umsichtigen Interpretationen. Weltecke legt ein beeindruckendes Werk vor, das mit den verschiedenen Traditionen des Ostens bekannt macht. Die Argumentation stützen nicht dogmatische Lehrschriften, sondern narrative Texte. Damit wird eine gewisse Abhängigkeit von den Methoden der Erzählforschung in Kauf genommen, und in Einzelfragen wird vielleicht manche Interpretation zu weiteren Diskussionen anregen. Aber nach der Lektüre wird man den oftmals mit der Iberischen Halbinsel plakativ verwendeten Ausdruck „convivencia“ vor einem erweiterten regionalen und sozialen Hintergrund ganz anders verstehen. Diese neue Sicht, bei der Lessing in seiner zeitlichen und sozialen Gebundenheit in den Hintergrund rückt, hat uns Weltecke mit ihrem Buch geschenkt.





