Was heute unsere Architektur so stark prägt, war lange Zeit nicht üblich: Erstmals belegt sind Verglasungen in Fenstern zwar schon aus der Römerzeit. Doch diese Ausstattung blieb lange exklusiven Behausungen vorbehalten und später wurden dann Kirchengebäude mit den transparenten Bauelementen versehen. Bisher ging man deshalb davon aus, dass im frühen Mittelalter die Verbreitung von Glasfenstern auf den christlich-römisch geprägten Kulturraum beschränkt war. Wenn es überhaupt Fenster gab, waren sie bei den heidnischen Wikingern hingegen bestenfalls mit durchscheinenden Tierhäuten bespannt, so die Annahme. Erst aus dem späteren Mittelalter waren bisher Glasfenster von den ersten Kirchen und Burgen in Skandinavien eindeutig belegt.
Doch keine Scherben aus späterer Zeit
Die neuen Befunde widersprechen nun allerdings dem düsteren Image der klassischen Wikingerzeit von etwa 800 bis 1100 n. Chr. Es handelt sich um Analyseergebnisse von 61 Glasfragmenten, die in den letzten Jahren bei Ausgrabungen an sechs verschiedenen Orten entdeckt wurden, die mit den Wikingern verknüpft waren: fünf in Südskandinavien und bei dem sechsten Fundort handelt es sich um die berühmte Wikinger-Siedlung Haithabu in Schleswig-Holstein. Den Merkmalen zufolge handelte es sich eindeutig um Bruchstücke von Fensterglasscheiben. Dies führte bisher dazu, dass man schlicht annahm, dass sie nicht aus der Wikingerzeit stammten, sondern aus späteren Siedlungsphasen.
Doch das Forscherteam unter der Leitung des dänischen Nationalmuseums in Kopenhagen wollte es nun genauer wissen. Sie unterzogen die Glasstücke dazu einer Materialanalyse, um mögliche Hinweise auf das Alter zu bekommen. Wie sie berichten, lieferte die Untersuchung Einblicke in die chemischen Merkmale des Glases und es ergaben sich auch Rückschlüsse auf die Machart. Durch den Vergleich mit bekannten Glasmaterialien aus der Vergangenheit war dann eine zeitliche Einordnung der Bruchstücke möglich. Sie stammen demnach aus der Spanne vom 9. bis zum 11. Jahrhundert. Sie entsprachen Glas, das damals etwa in den Kirchen und Herrschersitzen des angelsächsischen und karolingischen Kulturkreises verwendet wurde.
Wikinger-Hallen im Schimmer von Glasfenstern
Somit ist nun davon auszugehen, dass es sich bei den Funden um Scherben von Glasscheiben handelt, die schon in der Wikingerzeit in Fenstern saßen, resümiert das Team. Wie im übrigen Europa zierten sie wohl auch bei den Wikingern nur die Häuser der oberen Gesellschaftsschicht oder zeremonielle Gebäude. Den Experten zufolge könnten etwa die Adeligen und Könige in ihren Hallen im Schein von Glasfenstern residiert haben. Es handelte sich dabei offenbar um kleinere Fenster mit getöntem Glas, die einen farbenfrohen Lichteinfall in die Gebäude ermöglichten.





