Zahlreiche Funde belegen die uralte Tradition aus der Zeit vor der Ausbreitung des Christentums: Pferdeopfer waren in vielen Gesellschaften des heidnischen Europa einst weit verbreitet. Sie wurden auch noch bis zuletzt praktiziert: Im baltischen Raum hielt sich der Brauch noch bis ins 13. Jahrhundert hinein, bevor sich auch dort schließlich das Christentum durchsetzte. Wie aus Funden und Überlieferungen hervorgeht, wurden die symbolträchtigen und kostbaren Tiere bei Begräbnissen in einer öffentlichen Zeremonie geopfert und dann in Gruben bestattet. Einige Pferde wurden dabei komplett beigesetzt, in anderen Fällen zeichnen sich dagegen blutige Spektakel ab: Den Tieren wurde der Kopf abgeschnitten oder sie wurden noch weiter in Stücke zerlegt begraben.
Nur Hengste aus der Region?
Man geht davon aus, dass diese Rituale bei den Begräbnissen hochrangiger Krieger der letzten heidnischen Stämme im baltischen Raum durchgeführt wurden. Bisher vermuteten Archäologen, dass dabei wegen ihrer symbolischen Bedeutung nur Hengste für die Opferungen verwendet wurden. Dies schienen auch einige morphologische Befunde an Überresten geopferter Pferde zu bestätigen. Außerdem nahm man an, dass es sich um Tiere gehandelt hat, die aus der jeweiligen Region um den Begräbnisort stammten.
Doch Forschende um Seniorautor Richard Madgwick von der Cardiff University wollten nun für handfeste Belege über die Merkmale und die Herkunft der Tiere sorgen. Sie haben dazu Überreste von 76 geopferten Pferden untersucht, die aus neun Fundorten im östlichen Baltikum stammen. Es handelt sich dabei um Begräbnisorte im heutigen Polen, Litauen und der russischen Provinz Kaliningrad, die noch bis ins 13. Jahrhundert hinein von dort ansässigen heidnischen Stammesgesellschaften genutzt wurden.
Wie Madgwick und sein Team berichten, gelang es ihnen, aus den Überresten der Pferde Erbgut zu gewinnen, das sich für eine Geschlechtszuordnung des jeweiligen Tieres eignete. Die Ergebnisse widersprechen der Annahme, dass nur Hengste für die Rituale verwendet wurden: Es zeigte sich, dass etwa ein Drittel der geopferten Pferde weiblich waren. Es liegt somit nahe, dass das Geschlecht nicht unbedingt der entscheidende Faktor für die Auswahl darstellte, konstatieren die Autoren.
Weit gereiste Opfertiere
Um der Herkunft der Pferde auf die Spur zu kommen, führte das Team eine Strontium-Isotopenanalyse an Zahnmaterial der Tiere durch. Diese Technik kann anhand regionalspezifischer Signaturen Hinweise darauf liefern, wo ein Lebewesen einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Denn Boden, Wasser und Pflanzen weisen Strontium-Isotopen-Werte auf, die die zugrunde liegende Geologie widerspiegelt. Diese Signatur wird von Tieren beim Verzehr aufgenommen und beim Aufbau von Zahnschmelz in der Substanz abgespeichert.





