Nach Ende der römischen Besatzung regierten die vom europäischen Festland eingewanderten Angelsachsen weite Teile des spätantiken Englands. Eines der Zentren des angelsächsischen Herrschaftsgebietes lag damals im Südosten Englands, im Bereich der heutigen Grafschaften Norfolk und Suffolk. Dort etablierten die noch nicht christianisierten Angeln ab dem 5. Jh. das Königreich East Anglia. Von ihrer Herrschaft zeugt unter anderem ein mit reichen Grabbeigaben gefülltes angelsächsisches Königsgrab bei Sutton Hoo, in dem im Jahr 625 wahrscheinlich der Angeln-Herrscher Rædwald von East Anglia bestattet wurde.

Relikte eines königlichen Siedlungskomplexes
In der nahen Umgebung von Sutton Hoo haben Archäologen in den letzten Jahren die Relikte einer königlichen Niederlassung entdeckt, bei der es sich wahrscheinlich um den Herrschersitz der Angeln-Könige handelte. Dies legen die Überreste einer großen, aus Holzbalken errichteten Königshalle nahe der Ortschaft Rendlesham nahe. In diesem Jahr haben die Archäologen im Umfeld dieser Halle weitere Funde gemacht. Sie sprechen dafür, dass diese königliche Niederlassung einst fast doppelt so groß war wie zunächst angenommen. Demnach war der königliche Komplex von einem 1,5 Kilometer langen Graben umschlossen und umfasste rund 15 Hektar. Die gesamte Siedlung rund um den Palast könnte aber sogar eine Fläche von rund 50 Hektar gehabt haben, wie die Archäologen berichten.
“Die Ergebnisse unserer Ausgrabungen in Rendlesham demonstrieren eindrücklich die Macht und den Reichtum der Könige von East Anglia und die fortschrittliche Gesellschaft, über die sie herrschten“, sagt Projektleiter Christopher Scull von der Cardiff University und dem University College London. Bei den aktuellen Ausgrabungen stieß das Team unter anderem auf Belege für kunstvolle Metallarbeiten, darunter eine Gussform für ein fein verziertes Pferdegeschirr. Auch zwei Gräber aus der angelsächsischen Zeit wurden entdeckt.
Ein heidnischer Tempelbau im Herzen des Königspalasts
Einen besonderen Fund machten die Archäologen jedoch im Zentrum des königlichen Baukomplexes: Dort entdeckten sie die Relikte eines wahrscheinlich heidnischen Tempels oder Kulthauses. „Die auffallenden und substanziellen Fundamente sprechen dafür, dass dieses zehn Meter lange und fünf Meter breite Gebäude ungewöhnlich hoch und robust gebaut war“, berichtet Scull. „Das lässt vermuten, dass es für einen besonderen Zweck errichtet worden ist.“ Den Archäologen zufolge ähnelt die Bauweise dieses Gebäudes anderen, schon früher anderswo in England gefundenen Bauwerken, die als Tempel oder Kultstätten der Angelsachsen interpretiert werden.





