Bei der Preisverleihung in Oslo im Dezember 1979 berührte Mutter Teresa mit einfachen Worten die Herzen ihrer Zuhörer: „Ich glaube, dass wir in unserer Familie keine Bomben und Kanonen brauchen, nicht zerstören müssen, um Frieden zu schaffen. Gehen Sie aufeinander zu, lieben Sie einander und bringen Sie diesen Frieden, diese Freude, diese Kraft des Füreinanderdaseins in Ihr Zuhause. Und wir werden alles Übel in der Welt überwinden können … Liebe beginnt zu Hause, und es geht nicht darum, wie viel wir tun, sondern mit wie viel Liebe wir es tun … Und darum lasst uns einander mit einem Lächeln begegnen, denn das Lächeln ist der Anfang der Liebe, und wenn wir anfangen, einander zu lieben, werden wir etwas füreinander tun wollen.“
Mutter Teresa war auf dem Höhepunkt ihres Ruhms angekommen. Dass die Preisverleihung keine Kontroverse hervorrief – immerhin war keine klassische Friedensarbeit ausgezeichnet worden – und ihrem scharfen Plädoyer gegen Abtreibung in ihrer Dankesrede kaum Beachtung geschenkt wurde, war auch den politischen Umständen der Zeit geschuldet – zwischen Ost und West standen die Zeichen auf Konfrontation: Der NATO-Doppelbeschluss und der sowjetische Einmarsch in Afghanistan erfolgten im selben Monat.
Vor dem Hintergrund der außerordentlichen Medienpräsenz, die Mutter Teresa in späteren Lebensjahren genoss, erstaunt es, dass über ihre Jugend, die Ausbildung und die frühen Jahre im Orden der Loreto-Schwestern überraschend wenig bekannt ist. Geboren wurde sie am 27. August 1910 als Agnes Gonxha Bojaxhiu in Üsküp, dem heutigen Skopje, welches damals Teil des Osmanischen Reiches war. Als albanische Katholiken gehörte ihre Familie in der ethnisch, religiös und sprachlich durchmischten, stark wachsenden Industriestadt einer Minderheit an. Gleichwohl zählte sie zur städtischen Oberschicht: Vater Nikola war ein umtriebiger Geschäftsmann, saß im Stadtrat und unterstützte die albanische Nationalbewegung, Mutter Drana entstammte einer begüterten italienischstämmigen Familie.
Die Eltern legten Wert auf die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder: Sowohl Agnes als auch ihre beiden älteren Geschwister Aga und Lazar erlangten die Hochschulreife. Doch als Agnes ihren Schulabschluss erreichte, war sie bereits fest entschlossen, ihren Geschwistern nicht an die Universität zu folgen.
Nach dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1919 hatte sich ihre Mutter verstärkt der Religion zugewandt. Als dann 1925 der Jesuitenpater Franjo Jambrekovic´ nach Skopje kam, begann auch Agnes, sich stärker in der Gemeinde zu engagieren. Jambrekovic´ organisierte Wanderungen, Konzerte, Feste – und stets war sie mit von der Partie.
Der Jesuit gründete zudem die sogenannte Sodalität der Kinder Mariens, eine Laiengruppe, deren Mitglieder sich zur Verrichtung der sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit verpflichteten: Kranke besuchen, Durstige tränken, Hungrige speisen, Gefangene besuchen, Nackte bekleiden, Fremde beherbergen und Tote begraben (das heißt: an Beerdigungen teilnehmen). Außerdem richtete er eine Bibliothek ein, in der Agnes nicht nur die Schriften ihres spirituellen Vorbildes, der heiligen Theresia von Lisieux (1873 –1897), kennenlernte, sondern auch in den zahlreichen Missionszeitschriften las. Mit besonderem Interesse studierte sie die Berichte der jesuitischen Bengalenmission in Kalkutta.





