Nur noch selten ist es Archäologen vergönnt, anhand neuer Befunde althergebrachte Theorien und Lehrmeinungen in so großem Maß zu verändern oder zumindest mit einer Fülle neuer und in ihrer Art unerwarteter Fakten zu bereichern, wie dies im Fall von Göbekli Tepe möglich ist. Auf diesem markanten, knapp 800 Meter hohen Bergrücken mit hervorragender Fernsicht in alle Himmelsrichtungen hatten die Menschen der Steinzeit den geeigneten Platz für ihre monumentale Kultanlage gefunden. Wie eine natürliche Pyramide ragt er auf. Seine Spitze wird vom dickgebauchten Ruinenhügel gebildet, und so erklärt sich auch der Name des Orts: Göbekli Tepe bedeutet im Türkischen bauchiger Berg.
Die heute noch bis zu 15 Meter hoch anstehenden Ablagerungen können mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden ins 10. und 9. Jahrtausend datiert werden. Sie beinhalten somit eine über 2000jährige, kontinuierliche Nutzung des Geländes bis in die Zeit des frühen Ackerbaus. Die bedeutendsten Anlagen stammen aus der bislang ältesten Schicht III: vier große Steinkreise mit Durchmessern bis über 20 Meter. Diese Kreisanlagen besitzen sogenannte Terrazzo-Fußböden. Das aufgehende Mauerwerk besteht aus Bruchsteinen und Lehmmörtel. Die Mauern verbinden tonnenschwere, aufrechtstehende, reichverzierte T-förmige Steinpfeiler. Sie bilden das Hauptcharakteristikum der Kreisanlagen; hierzu gehört auch, daß sich im Zentrum der Steinkreise jeweils ein freistehendes, wesentlich höheres Pfeilerpaar befindet.
Die T-Form der Pfeiler erklärt sich mit Sicherheit so, daß die Pfeiler als stark abstrahierte menschengestaltige Wesen zu verstehen sind, denn bei einigen Pfeilern wurden Arme und Hände herausgearbeitet. Die Arme sind im Ellenbogen stark angewinkelt, die Hände treffen sich auf der ins Kreisinnere gewandten Bauchseite. Der T-Kopf ist manchmal in naturalistischen Proportionen gestaltet, indem die nach innen gerichtete Gesichtspartie länger ist als jene des Hinterkopfes. Bei diesen anthropomorphen Wesenheiten war das Geschlecht offenbar ohne Bedeutung. Auch für das Pfeilerpaar in der Mitte, dem man schnell das klassische Bild von Mann und Frau zuordnen möchte, gibt es keine Geschlechtsspezifizierung. Es können auch Zwillings- oder Geschwisterpaare, die in vielen Volksmythen eine zentrale Rolle spielen, in Betracht gezogen werden.
Die Reduzierung der Körperform und die fehlende Ausgestaltung des Gesichts oder anderer Merkmale war bewußt gewählt – daß die Künstler auch naturalistisch gestalten konnten, beweisen die übrigen Bildwerke. Auf mehreren T-Pfeilern ist auf der Bauchseite eine Art Stola zu erkennen. Da sie wichtig genug war, um abgebildet zu werden, handelt es sich wohl um den Teil einer rituellen Bekleidung. In diesem Kontext sind vielleicht auch die Funde knopfartiger Objekte aus Stein zu sehen, die nur am Göbekli Tepe in großer Zahl vorkommen und die möglicherweise ebenfalls Teile eines Ritualgewands waren. Die Pfeiler sind in der Schicht III mehr als drei Meter und teilweise bis zu fünf Metern hoch. Sie wurden auf den umliegenden Plateaus aus oft meterdicken Kalksteinbänken gewonnen.





