„Deutschlands Herz schlägt in Friedland” – so oder ähnlich feierten westdeutsche Kommentatoren die Ankunft der letzten 9626 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion im Entlassungslager Friedland im Herbst 1955. Im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik nimmt dieses Ereignis seither einen herausragende Stellung ein: Mit der Rückkehr der “letzten Soldaten des Großen Krieges” endete die unmittelbare Nachkriegszeit. Ihre Freilassung markierte auch einen der größten politischen Erfolge Bundeskanzler Adenauers, den die westdeutschen Wähler bei der Bundestagswahl 1957 mit einer in der bundesrepublikanischen Geschichte einmaligen absoluten Mehrheit für die CDU/CSU honorierten.
Die Begrüßung der Heimkehrertransporte aus der Sowjetunion zwischen September 1955 und Januar 1956 fiel enthusiastisch aus. Daß sich unter den letzten Kriegsgefangenen auch politisch höchst Kompromitierte wie der Auschwitz Arzt Carl Clauberg, die KZ-Wächter Gustav Sorge und Wilhelm Schubert oder der frühere Magdeburger Gauleiter Karl Jordan befanden, ging im Jubel über unter. Nicht zuletzt ausländische Proteste sorgten dafür, daß einigen dieser Heimkehrer noch in den späten 1950er Jahren vor westdeutsche Gerichten der Prozeß gemacht wurde.
In dem deutsch-sowjetischen Drama zur Abwicklung der Kriegsfolgen spielte die DDR nur einen untergeordneten Part. Moskau informierte Ost-Berlin erst, als die Freilassung der letzten Kriegsgefangenen bereits beschlossene Sache war. Dementsprechend kühl fiel die offizielle Aufnahme der letzten Heimkehrer in der DDR aus, wohin immerhin 1336 von ihnen zurückkehrten. Das Zentralorgan der SED “Neues Deutschland” verlangte, daß sie ihre angeblichen Kriegsverbrechen öffentlich eingestehen müßten – danach stünde ihrer Mitwirkungen am “Aufbau des Sozialismus” nichts entgegen. Trotz dieser Zusicherung hegten die SED-Oberen den rückkehrenden Kriegsgefangenen gegenüber allerdings ein beträchtliches Mißtrauen und ließen sie in ihren Heimatgemeinden von Stasi und Volkspolizei überwachen. Nach deren Berichten wurden die Heimkehrer dann aber auch in vielen ostdeutschen Gemeinden mit Blumen und Begrüßungszeremonien empfangen.
Die unterschiedlichen offiziellen Reaktionen in Ost- und Westdeutschland verdeutlichen, wie sehr sich die beiden deutschen Staaten auseinander entwickelt hatten. Beinahe zwangsläufig wurde die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen in dem sich verschärfenden Kalten Krieg symbolisch aufgeladen. Doch es gab auch Gemeinsamkeiten, standen doch beide Nachkriegsgesellschaften vor der Aufgabe, die ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Kriegsgefangenen als Staatsbürger in die jeweiligen Nachkriegsordnungen zu integrieren.
Der Integrationsprozeß schloß über sozialpolitische Maßnahmen hinaus auch Deutungsangebote der Erfahrung von Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr ein. Diese veränderten sich im Verlauf des ersten Nachkriegsjahrzehnts deutlich. In Westdeutschland erschienen die seit Herbst 1946 aus der Sowjetunion zurückkehrenden Kriegsgefangenen zunächst als schwer traumatisierte Opfer. Das lag vor allem an ihrem ausgesprochen schlechten Gesundheitszustand. Die meisten waren entlassen worden, weil sie zu schwach oder zu krank waren, um die oft hohen Arbeitsanforderungen zu erfüllen. Nach bis zu siebenwöchigem Transport kamen sie erschöpft und völlig geschwächt in Deutschland an. Hunderte von ihnen starben noch in dem Entlassungslager Gronenfelde bei Frankfurt/Oder.





