Stalingrad war – entgegen dem durch den Bekanntheitsgrad der Schlacht suggerierten Eindruck – zu keinem Zeitpunkt ein eigenständiges strategisches Ziel der deutschen Kriegführung. Als Rüstungsmetropole an der Wolga, dem bedeutendsten Transportweg der Sowjetunion, hatte es aber bereits in den Planungen des Jahres 1941 erhebliche operative Bedeutung besessen: im Zusammenhang mit dem erträumten Vorstoß der Wehrmacht in und über den Kaukasus. Als nach dem Scheitern der ‚Barbarossa‘-Pläne die Eroberung der kaukasischen Erdölfelder ins Zentrum der deutschen Planungen trat, wurde Stalingrad mehr noch als zuvor zu einem wichtigen Zwischenziel; genauer gesagt: Es sollte Endpunkt einer von mehreren, zeitlich gestaffelten Teiloffensiven der Heeresgruppe Süd sein und zugleich Ausgangspunkt für den eigentlichen Vorstoß in den kaukasischen Raum. “Auf jeden Fall”, so Hitler in seiner grundlegenden Weisung Nr. 41, “muß versucht werden, Stalingrad selbst zu erreichen oder es zumindest so unter die Wirkung unserer schweren Waffen zu bringen, daß es als weiteres Rüstungs- und Verkehrszentrum ausfällt.” Eine dauerhafte Inbesitznahme der Stadt war ursprünglich also gar nicht vorgesehen. Daß es schließlich doch dazu und damit zur eigentlichen Schlacht um Stalingrad kam, war vielmehr das Ergebnis einer sich im Verlauf des Sommers 1942 ergebenden Eigendynamik. Die von Hitler unter strategischem Zeitdruck vorgenommene Schwächung der eigenen Angriffsverbände und der sich bald abzeichnende festungsartige Ausbau Stalingrads führten Ende Juli zu der Einsicht, daß “das Schicksal des Kaukasus … bei Stalingrad entschieden” werde (so der Chef des Generalstabs des Heeres, Franz Halder, in seinen “Kriegstagebuch”). Bis September waren das Wolgaufer und die Stadtgrenzen erreicht und die Stadt weitgehend zerstört. Gegen den Rat seiner engsten militärischen Berater entschied sich Hitler für eine Fortsetzung der verlustreichen Kämpfe um das Stadtgebiet. Hinter dieser – wie sich zeigen sollte – fatalen Entscheidung standen offenbar primär Prestigeerwägungen, die erst durch die erbitterte sowjetische Verteidigung ausgelöst worden waren. Ebensowenig wie sein Generalstab erkannte Hitler, daß der Widerstand der in Stalingrad verbliebenen Verbände der Roten Armee nicht der Behauptung einer Ruinenlandschaft galt, sondern der Absicherung der in Vorbereitung begriffenen großen sowjetischen Gegenoffensive. Am 19. November lief die sowjetische Offensive an und führte binnen weniger Tage zur völligen Einschließung der rund eine Viertelmillion Mann starken 6. Armee (darunter etwa 5000 Rumänen und, meist vergessen, rund 50000 überwiegend russische Hilfswillige). Die folgenden Wochen waren bestimmt von der Entscheidung darüber, ob die in jeder Hinsicht stark abgekämpften Truppen einen Ausbruchsversuch wagen oder sich in Erwartung einer Entsatzoffensive von außen im Kessel einigeln sollten. Hitler entschied sich, nicht zuletzt unter dem Einfluß des neuernannten Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Don, Erich von Manstein, für letzteres und hielt daran trotz sich rapide verschlechternder Gesamtumstände unbeirrt fest…





