Um die Mitte des 11. Jahrhunderts waren die Bischöfe Bindeglieder zwischen den Königen und der lokalen aristokratisch geprägten Gesellschaft, der herrscherliche Hof und seine Kanzlei waren ein Ort politischer Sozialisierung künftiger Bischöfe, aber auch ein Anziehungspunkt von überregionaler Bedeutung. Ein Jahrhundert später konnte von einer regelmäßigen Kommunikation zwischen dem Hof und den Bischöfen, aber auch von deren Mitwirkung in der königlichen Kanzlei nicht mehr die Rede sein. Ihre Bindung an den König hatte in den Konflikten Heinrichs IV. und Heinrichs V. mit den Päpsten die für ihre Städte und Bistümer ursprünglich stabilisierende Funktion vollständig eingebüßt: Die traditionelle Ausrichtung der Bischöfe am König untergrub ihre Autorität vor Ort. Mit der ungeteilten Akzeptanz seitens der italienischen Großen verlor das Königtum seine Stärke südlich der Alpen, in der Folge verringerte sich sein Einfluss dramatisch. Im 12. Jahrhundert traten dann als neue Akteure die Städte auf, die in einem politischen Emanzipationsprozess ihren früheren bischöflichen Stadtherren das Recht auf Selbstverwaltung abgetrotzt hatten, ihren Einfluss in ihr Umland hinein und gegen benachbarte Städte ausweiteten und nun versuchten, den König als zusätzlichen Machtfaktor in ihre Konflikte hineinzuziehen.
Diesen epochalen Wandel von politischer Ordnung und Gesellschaftsstruktur kann man aus der Perspektive der einzelnen Herrscher nicht adäquat beschreiben, sondern nur unter Berücksichtigung jener Personen, Gruppen und Institutionen, die sich als dem regnum zugehörig verstanden, dessen soziale und politische Ordnung aktiv mitgestalteten und damit gleichzeitig auf die Politik der Könige einwirkten, die ja nicht von sich aus abstrakte politische Konzepte verfolgten, sondern auf Erwartungen und Funktionszuschreibungen reagierten. Nur folgerichtig wendet sich Doublier in seiner eindringlichen Studie gerade diesen politischen Kräften zu. Er untersucht die Formen der Interaktion zwischen dem König und den lokalen Akteuren sowie deren Einfluss auf die Ausstellung herrscherlicher Urkunden und fragt insbesondere anhand der Gerichtsurkunden nach dem Stellenwert königlicher Modelle für die örtliche Rechtsprechung, aber auch für die Urkundenpraxis italienischer Großer.
Es zeigt sich, dass das regnum Italicum trotz des Akzeptanzverlusts der Könige sowie kirchlicher und weltlicher Amtsträger in den Konflikten um 1100 deshalb Bestand hatte, weil sich die Großen nach wie vor als Bestandteile und Träger des regnum verstanden und inszenierten. So steht am Ende des Buches die gut begründete Einsicht in die Bedeutung der politischen Akteure unterhalb des Königtums für das Weiterbestehen des Königreichs während der weitgehenden Abwesenheit der Herrscher in Italien.
Rezension: Prof. Dr. Knut Görich
Étienne Doublier
Ein Reich ohne König?
Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2024, 666 Seiten, € 115,–





