Für die Weimarer Sammlung schließt der erworbene Band in mehrfacher Hinsicht eine Lücke. Das nach mehr als 400 Jahren an den Ort seiner frühesten Nutzung zurückgekehrte Buch ist ein Unikat, das eng mit der Geschichte des Weimarer Fürstenhauses und seiner Büchersammlung verbunden ist. Gleichzeitig ist sein kostbarer Einband eines der ganz wenigen mit Lackmalerei verzierten Exemplare, die heute noch aus der Jenaer Weischner-Werkstatt erhalten sind.
Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 wurden zahlreiche historische Bucheinbände bedeutender Werkstätten zerstört, deren Verlust nur durch die Erwerbung vergleichbarer Unikate annähernd kompensiert werden kann.
Der Ankauf wurde aus Spendenmitteln finanziert, die nach der Brandkatastrophe zugunsten der Wiederbeschaffung von historischen Drucken eingingen. Ab dem 9. April 2011 wird der repräsentative Fürsteneinband in der Ausstellung »Reise in die Bücherwelt – Drucke der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aus sieben Jahrhunderten« im Renaissancesaal der Bibliothek zu sehen sein.
Die am vergoldeten Schnitt des Bandes aufgebrachten Wappen weisen das Buch als Eigentum des Weimarer Fürstenpaares aus. Das Herzogtum Sachsen-Weimar war erst 1572 bei der Erfurter Teilung entstanden, Friedrich Wilhelm I. regierte es von 1586 bis zu seinem Tod 1602. Den Buchbesitz dokumentieren außerdem zwei Einträge auf den Innenseiten der Einbanddeckel, die mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Hand Sophies stammen. Die Einträge beziehen sich auf die
Lektüre von Luthers Auslegung der Genesis (1. Buch Mose, Beginn des Alten Testaments), die am 31. Oktober 1586 begonnen und am 11. Mai 1587 abgeschlossen wurde. Dabei ist das Datum des späteren Reformationstages vielleicht nicht zufällig gewählt. Unterstreichungen und zahlreiche handschriftlich am Rand wiederholte Bibelstellen zeigen, dass der Luther-Text bis zur Seite 209 systematisch studiert wurde. Das Buch ist damit als wichtige historische Quelle zur Frömmigkeit der Herzogin und zur Reformationsgeschichte in Thüringen anzusehen.
Die bereits 1569 gedruckte Luther-Ausgabe muss zwischen 1583, dem Jahr der Hochzeit des Paares und 1586, dem Jahr des ersten handschriftlichen Eintrags, mit dem kostbaren Einband versehen worden sein. Aus der herzoglichen Bibliothek Friedrich Wilhelms I. haben sich in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek nur ganz wenige Exemplare erhalten, da seine Büchersammlung nach dem Tod des Herzogs in das neu gegründete und den beiden Söhnen zugesprochene Herzogtum Sachsen-Altenburg überführt wurde. Später gelangte sie nach Gotha und gehört heute zum Bestand der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha.
Der prachtvolle Einband wurde in der Jenaer Hofbuchbinderei von Hans Weischner (um 1515-1589) oder seinem Sohn Lukas Weischner (1550-1609) gearbeitet. Beide gehören zu den bedeutendsten Buchbindern der deutschen Spätrenaissance. Hans Weischner war bereits Hofbuchbinder der Herzöge Johann Friedrich II. von Sachsen und Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar, der Mitte des 16. Jahrhunderts das »Grüne Schloss« erbauen ließ, in dem sich heute die Herzogin Anna Amalia Bibliothek befindet. Außerdem war er der erste Jenaer Universitätsbuchbinder und einer der ersten Bibliothekare der Universität. Sein Sohn Lukas lernte sein Handwerk in der väterlichen Werkstatt und erhielt daraufhin 1572 eine Anstellung als Hofbuchbinder bei Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg, für den er bis 1579 einige seiner schönsten Einbände hergestellt hat. Anschließend kehrte Lukas Weischner nach Jena zurück, übernahm 1588 kurz vor dem Tod des Vaters dessen Werkstatt und war bis 1609 für den Weimarer Hof tätig.





