Przyrembel führt chronologisch durch die komplexe Geschichte. Sie zeichnet nach, wie Ilse Koch ihren Mann kennenlernte und 1932 in die NSDAP eintrat. Während ihr Gatte in Himmlers SS-Apparat Karriere machte, entsprach sie dem Ideal einer tüchtigen Nationalsozialistin. Mit ihrer Familie lebte sie ganz in der Nähe des Konzentrationslagers Buchenwald und war unter den Häftlingen bald gefürchtet, da sie manchmal vom Wachturm herabblickte und nach nicht erkennbaren Kriterien einzelne Gefangene auswählte, die ausgepeitscht werden sollten. In mindestens einem Fall veranlasste sie, dass ein Mann getötet wurde. Obwohl sie keine offizielle Position innerhalb der Lagerhierarchie einnahm, nutzte sie doch die Handlungsspielräume, die sich ihr als Ehefrau des mächtigsten Mannes vor Ort eröffneten und war damit Teil dieses Mikrokosmos der Gewalt.
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers kam Koch in Haft und wurde zunächst vor ein alliiertes Gericht gestellt und verurteilt. In diesem Kontext entstand das Bild, das sie bis an ihr Lebensende nicht mehr loswerden sollte, nämlich das einer sadistischen, kalten und pathologischen Frau. Im Juni 1948 wurde die Strafe im Zuge eines Revisionsverfahrens auf vier Jahre reduziert. Dieser Vorgang löste einen Skandal innerhalb der amerikanischen und deutschen Öffentlichkeit aus, der schließlich in einen erneuten Prozess in Augsburg mündete, der zu lebenslanger Haft führte. Aus den erhaltenen Zeugnissen Kochs geht hervor, dass sie sich bis zum Ende als Opfer sah und ihren antisemitischen Überzeugungen treu blieb. Der deutschen Gesellschaft dagegen diente sie zur Selbstentlastung, denn je perverser die Frau erschien, desto normaler wirkten all die „kleinen“ Nazis. Das lesenswerte Buch führt auf breiter Quellenbasis sicher durch die zahlreichen Windungen der Geschichte und verknüpft Justiz-, Medien- und Geschlechtergeschichte aufschlussreich miteinander. Wer es liest, wird danach mehr über den komplexen Übergang von der Diktatur zur Demokratie, Frauen im „Dritten Reich“ und die Vorstellungswelten der Nachkriegszeit wissen.
Rezension: Dr. Sebastian Rojek
Alexandra Przyrembel
Im Bann des Bösen
Ilse Koch – ein Kapitel deutscher Gesellschaftsgeschichte 1933 bis 1970
S. Fischer Verlag, Berlin 2023, 432 Seiten, € 28,–





