Dieser Anspruch verlangt ein Höchstmaß an begrifflicher Präzision, doch Gaskill liefert nur Vereinfachungen und Ungenauigkeiten. Zu Letzterem bekennt sich der Autor sogar ausdrücklich, schreibt es aber dem Wesen des Gegenstandes zu, dass er so schwer zu bestimmen sei. Doch wäre genau das die Aufgabe des Historikers, zumal in einer „Einführung“. Und „so enden wir“, schreibt Gaskill am Schluss, „wie wir begonnen haben“ – mit dem Nicht-Fassbaren.
Präzise ist nur die Ankündigung, worum es in diesem Buch geht: „Wir untersuchen die Vorstellungen von Hexenwesen und Hexerei in verschiedenen zeitlichen Zusammenhängen“. Aber die verschiedenen zeitlichen und kulturellen Zusammenhänge werden nicht berücksichtigt. Alles hängt mit allem zusammen, alles ist überall und zu allen Zeiten „Hexerei“. Das Bemühen einer terminologischen Präzisierung wird vom Autor selbst nicht ernst genommen: So liest man auf die anfängliche Frage: „Was ist Hexerei? “ „Mein Wörterbuch sagt dazu folgendes …“
Dieser hemdsärmlige Zugriff zieht sich ebenso durch das Buch wie die seltsame Mischung von Wichtigem und Nebensächlichkeiten. Als ob Gaskill seinen Leser auf eine persönliche Erfahrungsreise mitnehmen wollte, lässt er ihn an seinen – durchaus beachtlichen – wissenschaftlichen Leistungen teilhaben und gewährt ihm einen Blick auf seine Aktenordner. Und was sollen die Bemerkungen über Forscher und die ihnen eigenen Archivreviere? Dafür wird eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Hexenprozessforschung – dass nämlich die sogenannten weisen Frauen keineswegs systematisch verfolgt wurden – lediglich in einem Nebensatz erwähnt.
Am Ende einer Odyssee durch „Furcht“, „Häresie“, „Bösartigkeit“, „Wahrheit“, „Justiz“, „Wut“, „Phantasie“ und „Kultur“ (so lauten die Überschriften der Hauptkapitel) wissen wir, was die universale Gemeinsamkeit oder die Ursuppe des Hexerei-Phänomens ist: Es geht, wen würde das überraschen, um Gut und Böse. Die universalen Grundlagen von Hexerei liegen letztlich in unserer steinzeitlichen Herkunft, deren moderner Ausdruck bei Gaskill so lautet: Wir alle fürchten die Zukunft, verachten Gegner und träumen von Erfolg. Das habe überall auf der Welt und zu allen Zeiten Menschen bis heute dazu veranlasst, Hexerei selbst zu betreiben, während andere es als vorteilhafter ansahen, ihre verhassten Nachbarn wegen angeblicher Hexerei bei der Obrigkeit anzuschwärzen und somit auf den Scheiterhaufen zu bringen. Wäre das die Quintessenz von Hexerei und Hexenverfolgung, dann wäre der Horizont von Serien wie „Dallas“ oder „Denver-Clan“ zum Verständnis der Sache völlig ausreichend. Kurz gesagt: Wer in Gaskills Buch eine Einführung sucht, findet sie nicht; wer mehr wissen will, braucht es nicht.
Rezension: Dr. Walter Rummel





