Invasion der Seevölker
In der Bronzezeit erblühten rund um das östliche Mittelemeer gleich mehrere Hochkulturen: In der Ägäis herrschten die Mykener, in Kleinasien hatten die Hethiter ein großes Reich geschaffen. In der Levante profitierten die Küstenstädte Kanaans vom reichen Seehandel und in Ägypten erreichte das Neue Reich seine Blütezeit unter Ramses II. Doch all das fand vor rund 3200 Jahren ein Ende, die großen Reiche schrumpften, einige zerbrachen und verschwanden dann schließlich ganz.
Was damals diese spätbronzezeitliche Krise auslöste, blieb bisher unklar. Neben Naturkatastrophen könnte vor allem ein Klimaumschwung die Kulturen am Mittelmeer geschwächt haben. Doch es gibt auch Hinweise auf wiederkehrende Angriffe sogenannter “Seevölker”: Inschriften und Darstellungen unter anderem am Totentempel von Ramses III. berichten, dass ein Bündnis von fremden Völkern Ägypten angriff und dass diese Völker ursprünglich “auf den Inseln inmitten des Meeres” lebten. Wer jedoch waren diese Seevölker?
Inschrift aus dem Reich der Luwier
Jetzt könnte ein wiederentdecktes Hieroglyphen-Fries das Rätsel der Seevölker lösen helfen. Dabei handelt es sich um eine knapp 30 Meter lange Inschrift, die einst eine Ruine in Beyköy in der heutigen Türkei zierte. Die Hieroglyphen sind in Luwisch verfasst, einer Sprache, die in der Bronzezeit in Kleinasien gesprochen wurde – und die heute nur noch von sehr wenigen Wissenschaftlern entziffert werden kann. Auch über die Kultur und das Volk der Luwier ist heute nur wenig bekannt – so wenig, dass sie teilweise den Hethitern zugerechnet werden.
Im Jahr 1878 soll ein Archäologe die 3200 Jahre alten Luwier-Hieroglyphen von Beyköy kopiert haben – gerade noch rechtzeitig. Denn schon wenig später nutzten Einheimische die Steinblöcke, um sie ins Fundament einer neuen Moschee einzubauen. Lange galt daher die Inschrift als verschollen. Doch im Sommer 2017 tauchte eine Kopie der Hieroglyphen wieder auf. Der englische Archäologe James Mellaart hatte sie besessen und als er starb, übergab sein Sohn die Schriften dem Geoarchäologen Eberhard Zangger von der Stiftung Luwian Studies.
Kriegszüge und Troja als Vasallenstaat
Die Wiederauffindung der luwischen Hieroglyphen hat es den Forschern erstmals ermöglicht, ihren Inhalt zu entziffern – und dieser hat es in sich: Wie Zangger berichtet, handelt es sich um detaillierte Schilderungen von Kriegszügen, die die Herrscher des luwischen Königreichs Mira gegen die Hethiter, aber auch Küstenstädte in der Levante und Ägypten unternahmen. Auf dem Höhepunkt der Kriege führten vier Fürsten aus Westkleinasien die vereinigte Flotte mit 500 Schiffen und 10.000 Kriegern gegen Zypern, Karkemisch und Syrien an. Den Beschreibungen nach kamen die Luwier dabei sogar bis an die Grenzen Ägyptens.





