Dem HIAG-Bundesverband sollen etwa 20000 Mitglieder angehört haben. Es mutet paradox an, dass frühere Angehörige einer SS-Formation sich ohne nennenswerte zivilgesellschaftliche Proteste oder staatliche Interventionen zusammenschließen und einen zum Teil inten‧siven Austausch mit Vertretern aller politischen Parteien pflegen konnten. Der Beitrag sucht dieses Phänomen vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge der 50er Jahre zu erklären. Erst die erinnerungspolitischen Impulse in der Spätphase der „alten“ Bundesrepublik führten zu einer grundlegenden Umorientierung und bewirkten die gesellschaftliche Isolation der HIAG.
Der Ausgangspunkt für die Erfolgsgeschichte der HIAG war die wohl wichtigste kollektive Erinnerungskonstruktion der Bundesrepublik Deutschland: die Legende von der „sauberen Wehrmacht“. Generell bildeten das Ausmaß der Gewalt und die präzedenzlosen Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs eine justitielle, politische und moralische Hypothek für die junge Demokratie. Zu einer offenen und selbstkritischen Auseinandersetzung kam es jedoch zunächst nicht. Vielmehr entstand durch ein Zusammenspiel aus Politik, Strafverfolgung und den Darstellungen in der populären Kultur – vor allem in der Roman- und Filmliteratur – recht schnell ein entlastendes, eindimensionales Bild. Demnach war das „deutsche Volk“ von einer Kerngruppe nationalsozialistischer Akteure für deren verbrecherische Ziele missbraucht worden, die große Mehrheit habe dem NS-System skeptisch und ablehnend gegenübergestanden.
Stellvertretend für diese Argumentationsfigur steht die Trennung zwischen einer „kriminellen SS“ und einer „sauberen Wehrmacht“. Begünstigt wurde die Unterscheidung durch die Urteile im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher: Während das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) aus formalen Gründen freigesprochen worden war, hatte das Gericht die Schutzstaffel (SS) zu einer „Verbrecherischen Organisation“ erklärt. Eingeschlossen war darin neben der Allgemeinen SS und den Angehörigen der KZ-Wachmannschaften (SS-Totenkopfverbände) auch die Waffen-SS. Diese war 1939/40 aus den bewaffneten SS-Einheiten (der SS-Verfügungstruppe) hervorgegangen. Während des Krieges wurde sie zu einer Massenorganisation ausgebaut, der insgesamt etwa 900000 Männer angehörten.
Die Verknüpfung der Waffen-SS mit den Verbrechen des National‧sozialismus wirkte sich für die etwa 250 000 Veteranen in der Bundesrepublik spürbar aus. Sie sahen sich nicht nur öffentlich als „verbrecherisch“ verleumdet, sondern erlebten tatsächlich auch eine insgesamt strengere Bestrafung durch deutsche Spruchkammern und Gerichte. Zudem mussten sie feststellen, dass ihre Rentenbemessung zum Teil erheblich von derjenigen der ehemaligen Wehrmachtsangehörigen abwich oder dass sie mit erschwerten Bedingungen bei der Aufnahme in die Bundeswehr konfrontiert waren. Das Stigma der „verbrecherischen Organisation“ und die Ungleichbehandlung durch Justiz und Gesetzgeber bewirkten, dass sich diese Klientel als Opfer einer – unterstellten – Sieger- und Behördenwillkür wahrnahm. Die Selbstverortung als „Opfer“ war charakteristisch für die politische Kultur der 50er Jahre. Viele gesellschaftliche Gruppen wie etwa Vertriebene oder Bombenopfer ordneten sich so ein, nicht zuletzt, um Forderungen an die Politik zu stellen…





