Die im frühromanischen Stil und mit einer um 1230 nachträglich bemalten Flachdecke gebaute Michaeliskirche ist ganz außergewöhnlich. Im Blick von Süden wirkt sie kraft‧voll und majestätisch, schnörkellos und geschlossen, ruhend und überaus harmonisch. Man sieht ein Haupt- und zwei Seitenschiffe, im Westen und Osten je ein Querhaus mit zusammen vier Treppentürmen an den Enden, auf den Vie‧rungen zwei gleichwertige pyramidenförmig zugespitzte Türme, eine Krypta im Westen und eine dreigliedrige Apsis im Osten. Unverkennbar ist die doppelte Symmetrie der Kirche. Ihre Harmonie steigert sich im Innern zu einem großartigen ästhetischen Genuss, zu einer greifbaren Erfahrung des sakralen Ideals. Warum ist die Kirche so schön?
Als St. Michael 1985 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, wusste man wohl um ihre nach der Kriegszerstörung vom 22. März 1945 wiederhergestellte Schönheit, nicht aber konnte man die Gründe benennen. Diese sind jetzt entdeckt und als Forschungsergebnisse vorgelegt worden. Deren Autoren haben als Erste die Kirche vollständig vermessen. Und siehe da: Mathematik, Geometrie und musikali‧sche Harmonie haben eine im biblischen Sinn vollkommene Architektur geschaffen. Im alttestamentlichen Buch der Weisheit Salomos steht: „Gott hat alles nach Maß, Zahl und Gewicht [= Gleich‧gewicht] geordnet.“ (11, 20) Genau das wollten die Menschen vor 1000 Jahren in Hildesheim. Sie wollten den göttlichen Kosmos in irdischer Vollendung als sakrale Architektur nachgestalten und sich so das ewige Heil sichern.
Im Alten Testament (Ezechiel) sowie im Neuen Testament (Offenbarung des Johannes) steht jeweils die Vision eines Himmlischen Jerusalem, wie ein Engel sie dem Propheten zeigt und sie ausmisst. Sie ist in St. Michael in Hildesheim als der einzigen bisher bekannten Kirche der Welt maßstabsgetreu und ideal nachgebaut worden: Durch drei konzentrische Quadrate mit den Seitenlängen 100, 120, 150 (gemeint sind sächsische Fuß zu 33,3 Zentimetern). Das große Quadrat entspricht genau der Ost-West-Länge des Kernbaus, das mittlere der Nord-Süd-Breite, das kleine spannt sich zwischen den Innenkanten der Treppentürme auf und gibt zugleich die Höhe der Kirche an. Diese ist also im Kernbau ein Kubus: so lang wie breit wie hoch. Das mittlere der drei Quadrate ist das harmonische Mittel der beiden anderen. Die Beziehungen aller drei Quadrate zueinander entsprechen harmonischen Intervallen: 100 : 150 = 2 : 3 = Quinte; 100 : 120 = 5 : 6 = kleine Terz; 120 : 150 = 4 : 5 = große Terz.
Ein ebenso großartiges wie feingliedriges vieleckiges Netzwerk bestimmt das Innere der Kirche. Nichts ist zufällig. Alles hat sein vorbestimmtes Maß, seine Länge und Breite, seinen Ort. Die Symbolik, vor allen Dingen mit den Zahlen 3, 4, 7, 8, 9, 10, 12 und 20, ist bis zur Vollendung getrieben. Die Architektur bietet so eine theologische Manifestation in der Sprache der Wissenschaften, der Mathematik, Geometrie und Musik, der Theologie und Geschichte.





