Von vielen Deportationen während des Nationalsozialismus existieren nur Fotos, die von SS-Leuten oder andern am Geschehen beteiligten Personen aufgenommen wurden. Nur in wenigen Fällen gab es jüdische Augenzeugen oder selbst Betroffene, die das Geschehen in Fotografien festhielten und es so dokumentierten. Der internationale Forschungsverbund „#LastSeen. Bilder der NS-Deportationen“ hat es sich zum Ziel gemacht, diese Aufnahmen aufzuspüren und zuzuordnen. Seit 2021 hat das Projekt schon rund 500 NS-Deportationsfotos aus 60 Städten im Gebiet des ehemaligen Deutschen Reichs zusammentragen. Viele der abgebildeten Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma oder Euthanasie-Opfer sind auf den Bildern zum letzten Mal zu sehen.
Im Rahmen dieses Projekts suchte Steffen Heidrich, Historiker und Mitarbeiter des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, im Dresdener Archiv des Landesverbands nach weiteren Aufnahmen von Deportationen. Dabei wurde er fündig: Er entdeckte 13 Originalabzüge, die Jüdinnen und Juden bei ihrer Deportation aus Breslau zeigen. „Der ebenso zufällige wie herausragende Archivfund des Kollegen Steffen Heidrich in Dresden ermöglicht völlig neue Perspektiven auf die Deportationen von als Juden verfolgten Menschen in Breslau“, sagt Alina Bothe, Leiterin des internationalen Forschungsprojekts #LastSeen.
Fotos von zwei Deportationen in Breslau
Die Aufnahmen zeigen zwei verschiedene Deportationen: Zwölf Fotos stammen aus dem November 1941. Damals wurden mehr als 1000 jüdische Bewohner Breslaus von der Polizei verhaftet und in die Gaststätte Schießwerder am Bahnhof Odertor gebracht. Auf engstem Raum zusammengepfercht mussten sie dort warten, bevor sie am 25. November in einen Zug nach Kaunas in Litauen gezwungen wurden. Direkt nach ihrer Ankunft wurden alle Deportierten dort von einem Einsatzkommando im Fort IX erschossen. Es gibt keine Überlebenden dieser Deportation. Die Fotos sind damit die letzten Zeugnisse der Ermordeten. Sie zeigen die Sammlung der Menschen im Biergarten der Gaststätte, die Verladung des Gepäcks sowie weitere Aspekte der „Abfertigung“ der zur Deportation bestimmten Personen.
Eines der neu entdeckten Fotos stammt von einer zweiten Deportation aus Breslau. Ab dem 9. April 1942 wurden dort abermals fast tausend Personen in der Gaststätte Schießwerder in Breslau gesammelt und von dort aus vier Tage später mit einem Zug in das polnische Ghetto Izbica transportiert. Dieses diente damals als Durchgangslager für den Weitertransport von jüdischen Gefangenen in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Das Foto aus dem April 1942 zeigt, wie vier ältere, mit schwerem Gepäck beladene Frauen die Gaststätte Schießwerder betreten und sich dort zur Deportation einfinden. Von den fast tausend damals deportierten Menschen haben nur zwei Personen den Holocaust überlebt.





