Die Entstehung der zahlreichen Plattenbausiedlungen in der DDR geht auf das 1973 verabschiedete Wohnungsbauprogramm der Sozialistischen Einheitspartei (SED) zurück. In der DDR fehlten rund drei Millionen Wohnungen und so galt die Förderung des Wohnungsbaus als einer der wichtigsten Eckpfeiler der Politik von Staats- und Parteichef Erich Honecker.
Harald Kirschner zieht nach “Schlammhausen”
Für die Neubausiedlung Leipzig-Grünau begannen 1976 mit dem ersten Spatenstich die Bauarbeiten. 1981 zog der damals 37-jährige Harald Kirschner zusammen mit seiner Familie von der Innenstadt hinaus nach Grünau, in eine der begehrten “Atelierwohnungen” im 15. und 16. Geschoss eines so genannten PH 16 im WK 4 – die Abkürzungen stehen für Punkthochhaus und Wohnkomplex und gehörten zum alltäglichen Sprachgebrauch. Kirschner hatte sich nach Studium und Lehre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig gerade als freiberuflicher Fotograf selbständig gemacht.
Als Betroffener und professioneller Beobachter zugleich dokumentierte Harald Kirschner seither die Entwicklung in der Neubausiedlung. Mit seiner Kamera hielt er die euphorische Aufbruchsstimmung der ersten Jahre fest, das Bemühen der Menschen, dem “Leben nach Plan” in den “Arbeiterschließfächern” in “Schlammhausen”, wie die Wohnungen und der Stadtteil im Volksmund bald hießen, Individualität zu verleihen. Kirschners besonderes Interesse galt den Kindern und Jugendlichen, die mit viel Phantasie ihren Lebensraum in Besitz nahmen – für sie war die entstehende Neubausiedlung mit ihren ständigen Baustellen ein großer Abenteuerspielplatz.
Die Bilder bezeugen den provisorischen Charakter der Aufbauphase, die zunehmenden Abnutzungserscheinungen und die Umbruchstimmung 1989/90. Sie offenbaren die Mängel der Planwirtschaft, die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit im “real existierenden Sozialismus” und zeigen dabei viel Sympathie für die Menschen, die darin lebten.





