Außerdem scheute Manstein sich nicht, Hitler in militärischen Fragen immer wieder offen zu widersprechen. War dies für den Diktator schon in Zeiten der Erfolge unbequem, so empfand er es ab 1943, als die Wehrmacht fast nur noch Niederlagen erlitt, als unerträglich. Deshalb schickte er Manstein im Frühjahr 1944 nach Hause und übertrug ihm bis zum Kriegsende kein Kommando mehr.
Erstmals Zugang zu Mansteins privaten Aufzeichnungen
Schon seit den 1950er Jahren war bekannt, dass Manstein von 1939 bis 1944 private Kriegstagebücher geführt hatte, die er allerdings unter Verschluss hielt. Außerdem hatte er während des Zweiten Weltkriegs viele militärische Dokumente aus seinem Befehlsbereich gesammelt, etwa Entwürfe seiner Befehle, Denkschriften und Lagebeurteilungen sowie Abschriften von amtlichen Kriegstagebüchern.
Einen Großteil dieser Unterlagen übergab Mansteins Sohn Rüdiger nach dem Tod seines Vaters dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, das davon Kopien anfertigte. Mansteins private Kriegstagebücher, die insgesamt 526 Seiten umfassen, sowie die rund 2400 Briefe, die er von 1939 bis 1944 mit seiner Frau wechselte, blieben für die Forschung dagegen weitgehend unzugänglich. Dies änderte sich erst im Jahr 2018, als Rüdiger von Manstein den Verfasser dieses Beitrags fragte, ob er bereit sei, die persönlichen Unterlagen seines Vaters zu edieren.
Anfang 2019 konnte die Arbeit an dem Editionsprojekt beginnen. Über den Rahmen einer ausführlich kommentierten Edition hinaus werden die Dokumente aus Mansteins Nachlass dabei in eine grundlegend neu recherchierte Geschichte der militärischen Operationen eingebettet, an denen Manstein beteiligt war. Die Edition präsentiert mithin nicht nur die bislang unveröffentlichten Tagebücher und militärgeschichtlich relevante Auszüge aus Mansteins Briefen, sondern auch neue Erkenntnisse zur deutschen Kriegführung in den Jahren 1939 bis 1944.
Aufgrund des erheblichen Materialumfangs wird die Edition insgesamt drei Bände umfassen. Der erste Band, der den Zeitraum von August 1939 bis März 1941 behandelt, ist im Mai 2025 erschienen. In die untersuchte Zeit fallen unter anderem die Feldzüge der Wehrmacht gegen Polen und Frankreich. Der zweite Band wird die Zeit von März 1941 bis November 1942 betrachten, der dritte Band die anschließenden Monate bis zu Mansteins Ablösung Anfang April 1944.
Jeder Band liefert eine Fülle an Informationen zu Mansteins militärischem Werdegang, zur Geschichte der Verbände, die er führte, sowie zu militärischen und politischen Persönlichkeiten, mit denen er Kontakt hatte. Insbesondere Mansteins Briefe gewähren auch sehr persönliche und tiefe Einblicke etwa in die sittlich-moralischen Wertvorstellungen des Generals sowie das liebevolle Verhältnis zu seiner Frau und seinen Kindern.





