Durch die Auswertung von Akten des Reichsfinanzministeriums und von Finanzbehörden in den besetzten europäischen Ländern gelingt es dem Autor, zumindest die großen Linien der Geldbeschaffung für den deutschen Krieg rekonstruieren. Sie erfolgte zu etwa fünf Prozent der Gesamtsumme durch die Enteignung und Ermordung der europäischen Juden, des weiteren durch die Ausbeutung von Millionen von Zwangsarbeitern sowie durch die rücksichtslose Heranziehung der Volkswirtschaften der deutsch besetzten Länder, aber auch durch Hunger- und Mordpolitik, die sich gegen die russischen Kriegsgefangenen und die russische Zivilbevölkerung („unnütze Esser“) richteten. Nur ein Drittel der Kriegskosten brachten die Deutschen selbst auf.
Aufgrund dieser räuberischen Geldbeschaffung gelang es dem Hitler-Regime, auch in den Kriegsjahren eine Sozialpolitik zu gestalten, die den Menschen in Deutschland einen steigenden Wohlstand verschaffte. Wie der britische Historiker Timothy Mason bereits 1975 in seinem Buch „Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft“ gezeigt hat, operierte das Regime schon in den 30er Jahren erfolgreich mit einer sozialen Bestechungsstrategie, deren Ziel es war, die Deutschen als eine geschlossene Volksgemeinschaft in den geplanten Krieg zu führen. Aly legt dar, daß das NS-Regime mit seiner Sozialpolitik auch in den Kriegsjahren Erfolg hatte. Überzeugend vermag der Autor zu zeigen, wie die Masse der Deutschen während der Nazi-Zeit mit niedrigen Steuern, Sozialreformen, Aufstiegsmöglichkeiten und einer Politik der sozialen Umverteilung – bei nur punktuellem Terror an den Rändern der Gesellschaft – erfolgreich bei Laune gehalten oder zumindest ruhiggestellt wurde. Das ist mit dem Begriff „Wohlfühl-Diktatur“ gemeint, den Aly in die historisch-politische Diskussion einbringt. Wer die Dynamik des NS-Regimes verstehen wolle, gibt er zu bedenken, dürfe nicht nur auf die Traditionen des Obrigkeitsstaates, die Kooperation der Banken und Konzerne, der Wehrmacht und der Bürokratie und auf die rassistische HerrenmenschenIdeologie starren, sondern müsse in erster Linie die Wirkungsweisen der „Gefälligkeitsdiktatur“ beachten. Wie der Diktator Generäle, NS-Funktionäre und Spitzenbeamte durch Dotationen an sich band, so verstand er es mit großem Erfolg, die Masse der Deutschen durch materielle Belohnungen aller Art für sich einzunehmen. In diesem Zusammenhang scheut sich Aly nicht, von „Hitlers Volksstaat“ zu sprechen.
In welchem Umfang sich die einzelnen klarmachten, daß sich ihr eigener Wohlstand einer Raub- und Mordpolitik in den übrigen Ländern Europas verdankte, ist eine offene Frage. Aly vermutet „ein schattenhaft schlechtes Gewissen, das unbestimmte Gefühl, man könne nur siegen oder untergehen“. Dadurch wird eine neue Facette des noch immer ungeklärten Phänomens beleuchtet, weshalb die Deutschen Hitler „bis zum bitteren Ende“ gefolgt sind. Zudem verstehen wir jetzt besser, wes?halb in der Erinnerung der Miterlebenden die schlechte Zeit erst mit der deutschen Kapitulation 1945 begann.





