Auftraggeber der Fälschungen war Herzog Rudolf IV. „der Stifter“ von Österreich (1358–1365). Er wollte seiner Dynastie und seinem Land noch größeren Ruhm verschaffen, als ihn die Habsburger ohnehin schon erlangt hatten. Bereits die Zeitgenossen zweifelten an der Echtheit der österreichischen „Freiheitsbriefe“. Doch als die Habsburger das römische König- und Kaisertum später fest in ihren Händen hielten, bestätigten sie in echten Urkunden die Fälschungen ihres Rangs und ihres Ruhms. Zweimal (1442 und 1453) bekräftigte Kaiser Friedrich III. die uralte Glorie des Hauses Österreich, die nicht nur auf mittelalterliche Herrscher, sondern bis zu Caesar und Nero zurückgeführt wurde. Und seine Nachfolger wiederholten das. Auf gefälschtem Fundament erstrahlte das habsburgische Haus. Von Jahrhundert zu Jahrhundert präsentierte sich die erfundene Vergangenheit immer echter.
Doch musste gleich alles schlecht sein, was eigentlich falsch war? Hatten Rudolfs Fälscher am Wiener Hof nicht bloß das zusammengeschrieben, was missgünstige Umstände den Herzögen von Österreich vorenthielten? Steckte im gefälschten Rang nicht doch ein berechtigter Anspruch, der unter Kaiser Karl IV. (1346–1378) (noch) nicht zu erlangen war? Kritisch verfolgten die rivalisierenden Dynastien der Luxemburger in Böhmen und der Wittelsbacher in der Kurpfalz die habsburgischen Anstrengungen und ließen sie nicht ans Ziel kommen. Doch erst im 19. Jahrhundert, ein halbes Jahrtausend nach der Entstehung, wurde der Fälschungsnachweis gegen das Konglomerat der österreichischen Freiheitsurkunden geführt. Der Beweisgang gelang dem Historiker Wilhelm Wattenbach (1819–1879), der 1852 im preußischen Berlin wirkte. Seither unterscheidet die Geschichtswissenschaft zwischen einer gefälschten und einer echten Urkunde Kaiser Friedrichs I. Barbarossa vom 17. September 1156, zwischen dem falschen „Privilegium maius“ („größeres Privi‧leg“) und dem echten „Privilegium minus“ („kleineres Privileg“). Damit trat eine Fälschungsaktion ins Licht der Forschung, die seit dem 18. Jahrhundert ihre Kriterien für die Unterscheidung zwischen echten und falschen Urkunden schärfte. Dabei war die als „Machwerk“ entlarvte scheinbare Urkunde Barbarossas nur der Kern einer Fälschungsserie. Der Name Privilegium maius bezeichnete bald dieses zentrale Stück, bald den ganzen Komplex von gefälschten Herrscherurkunden.
Mit dem echten „Privilegium minus“ hatte Friedrich Barbarossa das Herzogtum Österreich begründet und es seinem babenbergischen Verwandten zugewiesen (siehe Seite 24). Die Entscheidung war so bedeutend, dass die kaiserliche Pergamenturkunde feierlich mit einer Goldbulle, dem anhängenden Metallsiegel, bekräftigt wurde. Zwei Jahrhunderte später vernichtete der Wiener Hof diese echte Barbarossa-Urkunde für seine Fälschungsaktion. Versierte Kanzleibeamte stellten 1358/59 eine „neue Staufer-Urkunde“ her. In diese schrieben die Beamten aktuelle habsburgische Wünsche hinein und gaben sie als Privileg Kaiser Friedrichs I. aus. Das echte Goldsiegel hängten sie ans gefälschte Perga‧ment.





