1907 in eine evangelische Pfarrersfamilie hineingeboren, verlebte Wessel eine unstete Jugend, teils als Student, teils schlug er sich einfach durch. 1927/28 wurde er NSDAP-Aktivist und spielte dort eine Doppelrolle als SA-Mann und politischer Nachwuchsfunktionär, der in Berlin Kontakt zu Goebbels hatte und dort die propagandistische Schulung unter Jugendlichen lernte. Von 1927/28 bis 1929 war er begeisterter Teilnehmer der Nürnberger Reichsparteitage der NSDAP; damals entstand auch das Lied. 1930 wurde Wessel ermordet. Eigentlich handelte es sich um eine Schmierentragödie im proletarischen Berliner Milieu, wo sich Zuhälterei, Randale arbeitsloser Jugendlicher und politische Kämpfe zwischen Braunen und Roten vermischten. Die Nazis jedoch machten Wessel sofort zur Kultfigur.
Daniel Siemens berichtet die Geschichte, deckt ihre Hintergründe sowie die vielfältigen Querverbindungen zwischen Politik, Propaganda, ideologischer Verblendung, Raffgier und Rachsucht auf. Eine wichtige Quelle sind die Ermittlungsakten des Prozesses von 1930, die der Autor in den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR entdeckt hat.
Es ist eine höchst lesens‧werte Studie entstanden, die die Ausgangskonstellation, die kultische und kommerzielle Nutzung des Wessel-Mythos und die Nachgeschichte nach 1945 instruktiv darlegt. So trist das Lied war, so sehr diente Horst Wessel seiner Familie doch als Medium des Ruhms und Quell wachsenden Wohlstands. Ein lohnendes Buch.
Rezension: Prof. Dr. Anselm Doering-Manteuffel





