Der Historiker Publius Cornelius Tacitus (um 58 – nach 116 n. Chr.) und andere römische Schriftsteller legten die Grundlagen für den sich später entwickelnden Mythos um Arminius, die Germanen und die Varusschlacht. Dabei spie‧geln ihre Äußerungen häufig allge-meine ethische Normen und Ideale wider und sind nicht einfach auf die damalige Realität zu übertragen. So beschreibt Tacitus in seiner ethnographischen Schrift „Germania“ die Germanen als ein kriegerisches, unvermischtes Urvolk und betont dessen tugendhafte und einfache Lebensweise. Er beruft sich dabei auf die antike Klimatheorie, nach der die Völker nordischer Länder durch ihre wilde Landschaft und das rauhe Klima geprägt sind. Ihre äußeren Lebensbedingungen bedingen ihren Charakter: Ihr wüstes Äußeres, ihre angeborene Wildheit und ihre kriegerische Haltung lassen sich direkt auf die Witterung, die furchterregenden Wälder und die unberechenbaren Moore zurückführen.
Mit der Hervorhebung der germanischen Einfachheit, Tugendhaftigkeit und Ursprünglichkeit hält Tacitus in seiner „Germania“ den eigenen Landsleuten einen Spiegel vor. Er sieht in den germanischen Stämmen und ihrer Lebensweise vieles, was früher einmal auch die römische Republik ausgezeichnet habe, bevor das Kaisertum mit seinen unberechenbaren und tyrannischen Herrschern zu Sittenverfall und Dekadenz geführt hätte. Als Tacitus seine Gedanken 98 n. Chr. niederschrieb, konnte er nicht ahnen, dass seine Charakterisierung der Germanen Jahrhunderte später von der deutschen Rezeption nur allzu bereitwillig aufgegriffen und in einen Kanon deutscher Tugenden uminterpretiert würde, der bis in das 20. Jahrhundert hinein überdauerte.
Im Mittelalter waren die römischen Schriften und damit das Wissen um Arminius, die Germanen und die Varusschlacht weitgehend vergessen. Dies änderte sich im 14. und 15. Jahrhundert, als sich humanistisch gebildete Gelehrte und Literaten aus Italien aufmachten, um in deutschen Klosterbibliotheken nach Abschriften antiker Texte zu suchen. 1455 gelangte der heute verlorene „Codex Hersfeldensis“, eine karolingische Abschrift der kleineren Werke des Tacitus mit der „Germania“, nach Rom; 1507 wurden Tacitus’ „Annalen“ aus dem Kloster Corvey entwendet und acht Jahre später in Italien erstveröffentlicht.
Ein Italiener erkannte auch als Erster die politische Brisanz von Tacitus’ Schriften. Der römische Kardinal Enea Silvio Piccolomini (1405 –1464), der spätere Papst Pius II., berief sich auf die „Germania“, um den deutschen Klagen, ständige Geldforderungen der Päpste ließen das Land verarmen, entgegenzuwirken. Piccolomini argumentierte, dass früher die Germanen primitive und ungebildete Barbaren gewesen seien, jetzt aber die Deutschen dank der Kirche und des Christentums in Wohlstand und Zivilisation leben könnten. Die Reaktion der empörten deutschen Humanisten folgte prompt. Sie verfassten eine Fülle von „Germania“-Kommentaren, in denen sie auf die bei Tacitus beschriebenen „deutschen“ Tugenden verwiesen und die germanische Frühzeit zum „goldenen Zeitalter“ verklärten. Nachdem Enea Silvio Piccolomini als Erster die Gleichsetzung von Germanen und Deutschen vollzogen und damit den Deutschen eine weit in die Vergangenheit zurückreichende Herkunft attestiert hatte, entwickelte sich ein völlig neuartiger, bis dahin unbekannter Patriotismus, der Deutschland als Kulturnation ebenbürtig neben Italien stellen sollte.





