Es zeigt sich: Wilm Hosenfeld (1895–1952) war ein Offizier, der in diesem Krieg etwas Seltenes unter Beweis stellte: Menschlichkeit und Mitleiden. Dabei war dem gläubigen Katholiken und Wandervogel eine solche Entwicklung nicht von vornherein vorgezeichnet. Der junge Lehrer schloß sich der SA und der NSDAP an, teilte manche Ressentiments und Feindbilder seiner Umwelt. Den allergrößten Teil des Krieges verbrachte er in Polen, zumal in Warschau in der „Etappe“, wurde vom Feldwebel bis zum Hauptmann der Reserve befördert. Schon im September 1939 konstatierte er mit der deutschen Besetzung: „Die Juden haben nichts zu lachen.“ Mißhandlungen von deutscher Seite, Hunger und Leid nimmt Hosenfeld bei Polen und Juden gleichermaßen wahr, hat einen scharfen Blick. In den Briefen an seine Frau und Kinder berichtet er unaufdringlich über seine kleinen Hilfen im Alltag, analysiert aber auch erstaunlich klar und – angesichts von Zensur – offen die deutschen Übergriffe und die internationale Lage.
Den Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 findet er ganz logisch, auch wenn er die englische Gegnerschaft hoch einschätzt. Hosenfeld berichtet im April 1942 sehr genau über Auschwitz und die Tötungs- und Foltervorgänge, die ein offenes Geheimnis darstellten. Im Warschauer Aufstand 1944 war er unter anderem Vernehmungsoffizier. An seiner Haltung ändert sich nichts, wohl aber wurden ihm nach Kriegsende von sowjetischer Seite Verfehlungen vorgeworfen, die dazu führten, daß er bis zu seinem Tod 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft ausharren mußte. Zeugnisse wie die Hosenfelds, auf den Dirk Heinrichs schon vor zwei Jahren aufmerksam gemacht hat, sind selten. Sie zeigen über die einzelne Person hinaus, welche Spielräume für menschliches Verhalten es gab – auch im „Osten“. Und: Mit dem Wissen um den verbrecherischen Krieg gingen die meisten Soldaten wohl nicht so sensibel um – zumindest ist das von nur wenigen überliefert.
Rezension: Dülffer, Jost





