Die Designschau wird dort zur Kunstausstellung, wo die Stühle zu skulpturalen Objekten werden, als deren Inspirationsquelle der Stuhl – losgelöst von seiner Funktion – zu erkennen ist. Zahlreiche Exponate illustrieren dieses Phänomen des zeitgenössischen Stuhldesigns und stehen exemplarisch für das Aufbrechen der Grenzen zwischen Kunst und Design. Stühle gelten als die Visitenkarte eines jeden Designer. Sie besitzen eine höhere visuelle Attraktivität als Tische, Schränke, Sofas oder Küchenmöbel und stehen im Mittelpunkt der Auseinandersetzung mit Design.
Einen Stuhl zu entwerfen gehört zu den großen Herausforderungen für Designer. Diese Aufgabe schien im Sinne der Moderne vollendet gelöst, als Michael Thonet seinen Designklassiker, den Kaffeehausstuhl Modell Nr. 14, in der seinerzeit revolutionären Bugholz-Technik herausbrachte. Heute, 150 Jahre später, gibt es unzählige neue Stuhlmodelle, die den künstlerischen, technischen und gesellschaftlichen Wandel vor Augen führen. Wie kein anderer Gegenstand ermöglicht das Thema Stuhl eine Auseinandersetzung mit widerstrei-tenden Positionen des Designs, auf deren einer Seite die vernunftorientierte, zweckdienliche Form, auf der anderen das freie Spiel der Phantasie und die künstlerisch autonome Gestaltgebung stehen.
Zwischen diesen beiden Polen hat sich eine tausendfache Vielfalt etabliert. Im Stadium des Entstehens eines jeden Sitzmöbels steht eine neue Idee, die von Faktoren bestimmt wird wie dem Nutzen, dem Markt und der Zielgruppe, der Firmenphilosophie, den Materialien, den Herstellungsverfahren, dem technologischen Fortschritt, und schließlich entscheidend von der Persönlichkeit des Designers, sei er freier Künstler, Bildhauer, Regisseur, Architekt oder einfach Produktentwerfer. Der Begriff „same, same – but different“ gilt in besonderer Weise für den Stuhl: als ein geistiges und materielles Produkt, das in hundertfachen Formulierungen manifest ist. Die Ausstellung „Ideen sitzen. 50 Jahre Stuhldesign“ erweist sich somit als Spiegelbild der Zeit und ihres Selbstverständnisses, ihren Zwängen und ihrer Sehnsucht nach der Freiheit des Gestaltens.
Die Design-Ausstellung wird dort zur Kunstausstellung, wo sie autonome Skulpturen zeigt. Der Stuhl, losgelöst von seiner Funktion, dient ihnen nur noch als Inspirationsquelle. Die neu erworbenen Stühle illustrieren dieses Phänomen des zeitgenössischen Stuhldesigns und stehen exemplarisch für das Aufbrechen der Grenzen zwischen Kunst und Design. Zu den Designklassikern unter ihnen zählen der berühmte Kugelsessel „Sunball“ von Günter Fedinand Ris, der „Well Tempered Chair“ von Ron Arad, Stühle von Stefan Wewerka und der “Proust Armchair” von Alessandro Mendini, der die barocke Opulenz des Louis XV-Stil mit einem impressio-nistischen Motiv als Bezug aus der Zeit Marcel Prousts vereint. Die Designpositionen der Sammlung werden neben anderen bereichert durch den „Bone Chair“, zu dem sich Joris Laarman vom natürlichen Knochen-wachstum inspirieren ließ. Vladi Rapaport machte mit “The skull chair” und “The brain footstool” Schädel und Hirn zu überdimensionalen Sitzgelegenheiten. Mit der Sitzbank „Petit Jardin“ umarmt Tord Boontje den Sitzenden mit einem zarten Geflecht aus Blättern, Blumen und Zweigen aus weißem Stahl. Louise Campbell formte mit „Veryround“ eine ornamentale Sitzskulptur aus 240 ineinander gesteckten Stahlkreisen.





