Wir dürfen aufgrund unserer Quellen annehmen, dass im ersten Jahrhundert wikingischer Überfälle vor allem kleine Gruppen junger Männer aufgebrochen waren, die aufgrund der sozialen und wirtschaftlichen Lage in ihren Heimatländern wenig zu verlieren hatten. So folgten sie den alten Handelswegen, um sich ihren Teil am Reichtum Westeuropas mit Gewalt zu holen. Diesen Kämpfern hatten die karolingischen und englischen Herrscher nur das Volksaufgebot der lokalen Grafen entgegenzusetzen, also neben wenigen gut ausgestatteten Rittern und Berufs‧soldaten ein schlecht ausgebildetes und bewaffnetes Bauernheer.
Gegen die kleinen, höchst mobilen wikingischen Banden konnten diese Kämpfer aber kaum effektiv eingesetzt werden. Beim ersten Angriff auf Paris 845 musste König Karl der Kahle seine Truppen teilen, um auf beiden Seiten der Seine operieren zu können, worauf die eine Hälfte von den Wikingern aufgerieben wurde und er selbst mit ansehen musste, wie die Wikinger über 100 gefangene Franken auf der Seine-Insel hinrichteten.
Die Methode des Terrors im mittelalterlichen Sinn, sprich die Verbreitung von Furcht und Schrecken, beherrschten die Wikinger schon in der Frühzeit der Überfälle. Während man nach den überkommenen Konventionen die gefangenen Adligen gegen Lösegeld austauschte, auch wenn dies mitunter lange dauern mochte, so waren die Skandinavier aufgrund ihrer unsicheren Lage mitten im Feindesland oft ungeduldiger: Als ihnen nach einem Überfall auf Stade an der Elbe 994 die Ablieferung von Lösegeld zu lange dauerte, wurden den hochadligen Geiseln Ohren und Nasen abgeschnitten und die Hände abgehackt – in diesem Zustand wurden sie in den Fluss geworfen, wie Thietmar von Merseburg als Augenzeuge berichtet…
Prof. Dr. Rudolf Simek





