Die siebenköpfige Mannschaft hatte am 25. Mai 1969 an Deck Aufstellung bezogen und sah zu, wie Aicha Amara, die Ehefrau des Paschas von Safi, Marokko, das Schiff nach dem ägyptischen Sonnengott auf den Namen „Ra“ taufte. Es war ein feierlicher Augenblick, der vorläufige Höhepunkt eines Projekts, das der berühmte norwegische Abenteurer Thor Heyerdahl (1914–2002) mit großem Elan vorangetrieben hatte: die Überquerung des Atlantiks mit einem Papyrusboot.
Den Teilnehmern der Expedition galt die aufrichtige Bewunderung derer, die sich am Hafen versammelt hatten. Aicha Amara sollte später sogar ein Buch über Heyerdahl schreiben. Kaum hatte die „Ra“ abgelegt, da fuhr der Mannschaft der Schreck in die Glieder, denn plötzlich heulten die Sirenen der im Hafen liegenden Fischerboote auf, und die Sirenen der nahen Fabriken, Silos und Lagerhäuser stimmten mit ein. Schiffsglocken wurden geläutet, die Menge am Hafen jubelte, Frachtschiffe schossen Signalraketen ab.
Es sollte ein fürstlicher Abschiedsgruß sein, der allerdings auch dafür sorgte, dass den Männern das Herz bis zum Hals schlug. Mit weichen Knien begannen sie ihre Fahrt ins Ungewisse. Experten waren überzeugt, dass ein Papyrusboot keine 14 Tage auf dem Atlantik überstehen würde. Heyerdahl und seine Mannschaft hatten sich vorgenommen, die Experten eines Besseren zu belehren.
Dies war nicht Heyerdahls erste große Fahrt. Schon 1947 hatte der Zoologe, Geograph und Ethnograph mit einer fünfköpfigen Besatzung auf einem Floß aus Balsaholz den Pazifik überquert. Auf diese Weise wollte er beweisen, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus theoretisch möglich gewesen wäre. Die knapp 7000 Kilometer lange Strecke bewältigte die „Kon-Tiki“ binnen 101 Tagen. Es folgten der Bestseller „Kon-Tiki Ekspedisjonen“ (1948) aus Heyerdahls Feder und ein Dokumentarfilm (1952). Heyerdahl war weltberühmt.
Die wissenschaftlichen Implikationen der Pazifik-Überquerung waren eher gering. Heyerdahl selbst hielt sich in der Debatte zwischen jenen Forschern, die einen weitreichenden Kulturtransfer über die großen Ozeane hinweg für möglich, und jenen, die ihn für unmöglich hielten, zurück und gab sich als Vermittler zwischen den beiden Lagern. Ihn reizte vor allem die Herausforderung, das zu schaffen, was viele Experten für undurchführbar erklärten. Und so betonte er nach der erfolgreich abgeschlossenen „Kon-Tiki“-Expedition, dass damit keineswegs bewiesen sei, antike Südamerikaner seien auf diese Weise nach Polynesien gelangt. Lediglich sei belegt worden, dass es möglich gewesen wäre. Tatsächlich legt die moderne Forschung nahe, dass Polynesien zwar von Südostasien aus besiedelt wurde, dass es allerdings auch einen voreuropäischen Kontakt zu Besuchern aus Südamerika gab.





