Geschichte, mangelhaft? – Ein damals.de-Interview mit dem Geschichtsdidaktiker Prof. Hans-Jürgen Pandel über die Kritik am Geschichtsunterricht in deutschen Schulen. Wie gut kennen sich Jugendliche in der jüngeren deutschen Geschichte aus, und vor allem: Können sie mit Hilfe der im Geschichtsunterricht erworbenen Kenntnisse die Ereignisse auch einordnen und werten? Auf diese Fragen gab eine in diesem Sommer von der Freien Universität (FU) Berlin vorgestellte Studie einige beunruhigende Antworten. Vielen Schülern falle es schwer, zwischen Demokratien und Diktaturen zu unterscheiden. So ordnete nur etwa die Hälfte der für die Studie befragten Jugendlichen den NS-Staat zweifelsfrei als Diktatur ein. Im Fall der DDR lag der Wert bei etwas mehr als einem Drittel. Auch Demokratien werden nur schwer erkannt. Nur rund die Hälfte schätzt die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung als demokratisch ein, rund 60 Prozent halten das wiedervereinigte Deutschland für eine Demokratie. Befragt wurden 7500 Schüler der 9. und 10. Klasse.
Der Geschichtsdidaktiker Hans-Jürgen Pandel, emeritierter Professor der Universität Halle-Wittenberg, warnt allerdings im Gespräch mit DAMALS-Redakteur Dr. Armin Kübler vor „Alarmismus“. Die Studie bilde nur eine „Momentaufnahme“ in der Entwicklung der Jugendlichen ab. Pandel forscht seit drei Jahrzehnten unter anderem zum Thema Geschichtsbewusstsein.
DAMALS: Herr Prof. Pandel, die Wissenschaftler des „Forschungsverbunds SED-Staat“ an der FU Berlin werteten die Ergebnisse der Studie als „problematisch“. Der Leiter des Forschungsverbunds, Prof. Klaus Schröder, sieht „eine wertorientierte Kenntnisvermittlung im Schulunterricht dringend geboten“. Haben Sie die Ergebnisse der Studie überrascht?
Prof. Hans-Jürgen Pandel: Nein. Aufgrund der Anlage der Studie sind die Ergebnisse größtenteils zu erwarten gewesen. Hier wird weniger Forschung als vielmehr Politik betrieben. Der Leiter der Studie, Prof. Klaus Schröder, hat selbst vor einiger Zeit eine ähnliche Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Antisemitismus heftig kritisiert. Es werde mit „suggestiven Fragestellungen“ gearbeitet und die Ergebnisse seien „nicht seriös“, sagte er damals. Aus meiner Sicht könnte man ähnliche Kommentare nun auch auf die Studie der Wissenschaftler um Prof. Schröder anwenden. Ich nenne das Ganze „Epochenlobbyismus“. Die Vertreter einzelner Geschichtsepochen machen viel Aufhebens darum, dass ihr Arbeitsfeld im Schulunterricht zu wenig Beachtung findet. Es geht letztlich um die Anteile der Epochen an den Lehrplänen und damit auch am Lehramtsstudium.
DAMALS: Warum sind aus Ihrer Sicht solche Befragungen von Schülern wenig aussagekräftig?
Pandel: Ein großes Problem ist schon allein die Vielfalt der verschiedenen Lehrpläne, die sich nach Bundesländern und nach Schularten stark unterscheiden. Wir haben in Deutschland fast 50 verschiedene Lehrpläne, in denen die Zeitgeschichte vorkommt. In jedem Lehrplan wird zum gleichen Thema, beispielsweise Nationalsozialismus, etwas anderes gefordert. Bislang fehlt hier leider eine bundesweite Diskussion, was gelernt werden soll. Das ist bedauerlich. Dadurch kann es passieren, dass bei empirischen Studien Inhalte abgefragt werden, die aufgrund des jeweiligen Lehrplans nicht oder noch nicht Gegenstand des Unterrichts waren. Bei der Urteilsfähigkeit stellt sich die Frage: Ist der Unterricht dazu da, den Schülern „richtige“ Urteile vorzugeben? Es ist ein Widerspruch, wenn man die Schüler einerseits dazu bringen will, eigenständig zu urteilen, ihnen aber gleichzeitig sagt, was richtig und was falsch ist. In den Schulbüchern finden sich keine expliziten Werturteile, dort findet man die Fakten. Die Urteile müssen die Jugendlichen selbst fällen, sonst fallen wir in einen Gesinnungsunterricht zurück.





