Was am 24. und 25. August des Jahres 79 passierte, als der Vesuv die reizvolle Landschaft um den Golf von Neapel zerstörte, ist bis heute, trotz einer relativ guten Quellenlage, nicht bis ins letzte Detail zu klären. Eine ungefähre Vorstellung vermitteln, neben archäologischen und geologischen Befunden, vor allem zwei Briefe aus der Feder des jüngeren Plinius. Etwa 20 Jahre nach den dramatischen Ereignissen schildert der römische Schriftsteller und Politiker darin dem Historiker Tacitus, wie er die Vorgänge erlebt hatte. Zu jener Zeit hatte er sich bei seinem gleichnamigen Onkel im nahe gelegenen Misenum aufgehalten. Der ältere Plinius kommandierte die dort stationierte römische Flotte. Schon immer hatte er sich aber auch für naturwissenschaftliche Phänomene interessiert. So war er fasziniert und alarmiert zugleich, als er am Vor?mittag des 24. August in der Richtung des Vesuvs eine ungewöhnliche Wolke von der Gestalt einer Pinie aufsteigen sah.
Sofort war der Forscherehrgeiz geweckt. Weil er zudem beunruhigende Nachrichten von einer Bekannten erhielt, die am Fuß des Vesuvs ein Haus besaß, beschloß er, sich mit einem Schiff an den Ort des Geschehens zu begeben. Umsichtig wie er war, nahm er seinen Sekretär mit an Bord, dem er alle seine Beobachtungen diktierte und der damit zu einem Kronzeugen der Katastrophe werden sollte. Als die Fahrt durch einen Hagel von Asche und Bimsstein zu gefährlich wurde, steuerte man die Küste bei Stabiae am anderen Ende des Golfs von Neapel an. Gleich nach der glücklichen Ankunft demonstrierte der ältere Plinius, im Gegensatz zur panischen Menge um ihn herum, eine angesichts des Infernos bemerkenswerte Gelassenheit. Erst nahm er im Haus eines Freundes ein Bad, dann begab er sich scheinbar seelenruhig zur Tafel, und schließlich legte er sich sogar zu Bett. Doch bald mußte man ihn aufwecken, denn die Lage wurde immer bedrohlicher. Auf der Flucht fand er einen qualvollen Tod, indem, wie der Neffe mutmaßt, der dichte Qualm ihm „den Atem nahm und die Kehle verschloß“.
Im zweiten Brief berichtet der jüngere Plinius, wie er selbst im etwa 30 Kilometer Luftlinie entfernten Misenum die Katastrophe wahrgenommen hat. Hier machte sich der Vulkanausbruch erst durch zahlreiche Erdstöße bemerkbar, so daß die Menschen ihre Häuser verließen und ins Freie drängten. Aus der Ferne beobachteten sie eine „schaurige schwarze Wolke“, die sich auf die Küste senkte, anschließend das ganze Meer bedeckte und dabei die Insel Capri einhüllte. Als Aschenregen einsetzte, trat die Menschenmenge unter lautem Jammern und Klagen einen ungeordneten Rückzug an, bei dem nur Plinius, nach dem Vorbild seines stoischen Onkels, die Ruhe bewahrt haben will.
Mag der jüngere Plinius aus der Rückschau die Ereignisse auch dramatisiert und entsprechend sein eigenes Verhalten und das seines Onkels heroisiert haben, so liefert sein Bericht doch wertvolle Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Naturkatastrophe. Geologen und Vulkanologen gehen heute davon aus, daß sich die Eruption des Vesuvs in zwei klar voneinander zu trennenden Phasen vollzog. Das Inferno begann mit einer gewal?tigen Explosion. Der Gipfel des Berges wurde dabei förmlich weggesprengt. Kilometerweit wurden Unmengen vulkanischen Gesteins in die Luft geschleudert und formierten die von Plinius dem Älteren registrierte pinienartige Wolke. Kurz danach entlud sie sich über der Stadt Pompeji. Bis tief in die Nacht hielt der Steinhagel an. Die Häuser der Stadt verschwanden unter einer mehrere Meter hohen Schicht.





