Die Anfänge des berühmten Megalith-Monuments in Südengland reichen bis in die Zeit vor rund 5100 Jahren zurück. Menschen der Windmill-Hill-Kultur, die zu den ersten sesshaften Bauern Englands gehörten, errichteten damals auf der weiten Ebene von Salisbury einen 115 Meter großen Ring aus Holzpfosten, gesäumt von einem kreisförmigen Erdwall. In den folgenden Jahrhunderten wurde Stonehenge dann immer wieder umgebaut und erweitert, nach und nach kamen auch die bis heute erhaltenen Megalithe dazu. Inzwischen haben Analysen enthüllt, dass einige dieser Großsteine über enorme Entfernungen herangeschafft wurden: die Blausteine kamen aus Wales, der Altarstein des Steinkreises sogar aus dem 750 Kilometer entfernten Schottland. Warum, ist bisher unklar.
Rätselhafte Rinderkiefer
Ein weiteres Rätsel stellen zwei Rinderkiefer dar, die um 2900 vor Christus beiderseits des Südeingangs zum Stonehenge-Steinkreis vergraben wurden. Diese Kiefer samt Zähnen lagen jeweils am Ende des umgebenden Ringgrabens und flankierten wie tierische Wächter den Eingang. Doch warum gerade Rinder? Was war das Besondere an diesen Tieren? Um diese Fragen zu klären, haben Jane Evans vom British Geological Survey und ihr Team den größeren der beiden Rinder-Kieferknochen näher untersucht. Sie unterzogen einen Backenzahn aus diesem Kieferknochen einer Isotopenanalyse und ermittelten das Verhältnis der Sauerstoff-, Kohlenstoff-, Strontium- und Bleiisotope. Diese können Aufschluss über Nahrung, Herkunft und mögliche Ortswechsel dieses Tieres geben. Außerdem analysierten die Forschenden Proteinreste im Gewebe, um das Geschlecht dieses Rinds herauszufinden.
Die Analysen ergaben, dass dieser Rinderkiefer von einer älteren Kuh stammt, die schon 55 bis 270 Jahre vor dem Vergraben in Stonehenge gestorben war. Der Knochen oder möglicherweise der ganze Schädel dieses Tieres muss demnach so lange aufbewahrt worden sein. „Die gut erhaltenen Oberflächen der Mandibel deuten darauf hin, dass dieser Rinderkiefer in einer geschützten Umgebung lag, bevor er im Graben platziert wurde“, berichten Evans und ihre Kollegen. Das könnte darauf hindeuten, dass diese Kuh damals eine besondere Rolle spielte – welche, ist allerdings unbekannt.
Von Wales nach Südengland
Aus den Isotopenanalysen geht zudem hervor, dass die Kuh mit rund zwei Jahren einen deutlichen Wandel durchlebte. Mit dem Übergang vom Winter zum Sommer veränderte sich ihre Nahrung von Zweigen und Blättern aus dem Wald zu Weidegras, wie die Sauerstoff- und Kohlenstoff-Isotope verrieten. Evans und ihre Kollegen vermuten, dass diese Kuh im Winter mit zuvor im Wald gesammelten und als Heu aufbewahrten Pflanzen gefüttert wurde, bevor sie dann im Frühjahr wieder auf die Weide kam. Die Strontium-Isotope deuten jedoch auch auf einen Ortswechsel hin. Zwar entsprechen diese Werte aus dem Sommer den lokalen Bedingungen in Stonehenge. Die Werte aus dem davorliegenden Winter aber nicht: „Der höhere Winterwert schließt den größten Teil Südwest-Englands aus und auch den Süden Schottlands“, berichten die Forschenden. Stattdessen passen die Strontiumwerte des Kuhzahns zu Wales – dem wahrscheinlichen Herkunftsort der Stonehenge-Erbauer und der Blausteine.





