Der Wissenschaftshistoriker und Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht hat nun eine Biographie vorgelegt, die auch Chamissos unbekanntere Seite beleuchtet: die des Naturkundlers und Welterforschers. Für die umfassende Lebensgeschichte hat Glaubrecht Reiseberichte studiert, den Nachlass Chamissos herangezogen und auch naturkundliche Objekte aus Museen und Archiven ausgewertet.
Minutiös schildert Glaubrecht das bewegte Leben Chamissos in den turbulenten Jahrzehnten des Umbruchs um 1800. Das Buch erzählt von Chamissos Jugend in Berlin, von seinen Kontakten zu den literarischen Kreisen der Zeit und von den ersten Studien an der Berliner Universität, wo der Dichter sein wachsendes Interesse für Pflanzenkunde vertiefte. Und natürlich erzählt es auch davon, wie Chamisso mit der originellen Erzählung von „Peter Schlemihl“ bekannt wurde.
Der Schwerpunkt der Darstellung liegt jedoch auf der Forschungsexpedition, die Chamisso als „Titulargelehrter“ für Pflanzenkunde begleitete. Es war eine glückliche Fügung, dass der kaum durch mehr als ein kurzes Studium der Naturkunde ausgewiesene Chamisso an der Expedition teilnahm. Die dreijährige Reise an Bord der „Rurik“ – für Chamisso war es die erste Schiffsreise seines Lebens – führte über den Atlantik in den Pazifik, von dort nach Norden in die Beringstraße, durch die Inselwelt in der Südsee und den Indischen Ozean.
Unterwegs machte Chamisso Notizen, sammelte und erforschte unbekannte Pflanzen, Tiere und Artefakte. Auf Teneriffa gewann er neue Erkenntnisse über die Salpen (Meerestiere), in den Gewässern der Beringsee beobachtete er die großen Bartenwale, an der Küste Kaliforniens entdeckte er den Goldmohn, auf Hawaii studierte er die Sprache der Insulaner. Zugleich – auch das macht die Biographie deutlich – war Chamisso sich darüber im Klaren, dass die europäische Expansion für die fremden Kulturen, denen er begegnete, schwerwiegende Folgen haben sollte. So hielt er in seinem später veröffentlichten Reisebericht fest: „Auf O-Taheiti [Tahiti] … verhüllen Missionshemden die schönen Leiber, alles Kunstspiel verstummt, und der Tabu des Sabbaths senkt sich still und traurig über die Kinder der Freude.“





