So kann man Hermann Kulkes „Indische Geschichte” als eine Bilanz lesen, und lesenswert ist diese allemal. Getreu den Vorgaben der Reihe wird hier der neueste Forschungsstand – endlich nicht nur aus angelsächsischer Perspektive – aufgezeigt. Neben der Darstellung des historischen Verlaufs, wofür knapp 100 Seiten „zu Buche” schlagen, wird ein ebenso großes Gewicht auf die Grundprobleme und Tendenzen der Forschung gelegt.
Sechs Themenbereiche werden hier diskutiert, von denen die Geschichtsschreibung in und über Indien vor 1750 besonders erwähnt werden soll. Man kann hier erfahren, daß es eben doch ein historisches Denken in Südasien gab, und wieso die Europäer es fast reflexhaft übersahen. Kulke schafft es hier, sich selbst zu problematisieren, in dem er, der auch für die indische Geschichte eine Einteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit annimmt, im Kapitel über Periodisierung die Schwierigkeiten eines solchen Vorgehens erörtert.
Daneben greift das Buch die Debatte um Definition, Herkunft und Einwanderung der Indo-Arya und ihre hindu-nationalistischen Konsequenzen sowie Fragen der Staatsentstehung, der Stadtgeschichte und des Indischen Ozeans als asiatisches Mittelmeer auf.
Zwar erschöpft diese Auswahl nicht alle der wesentlichen Themen, stellt aber angesichts der Platzvorgabe der Herausgeber einen guten Kompromiß dar. Neben den Großkapiteln „Darstellung” und „Grundprobleme” bleibt auch Raum für ein ausführliches Verzeichnis der wichtigsten Quellengruppen und der Sekundärliteratur, allerdings unter Verzicht auf Internet-Ressourcen, Hilfswissenschaften und mit Schwerpunkt auf den klassischen Literatursprachen. Zusammen mit einem sehr gut gestalteten Anhang ergibt sich ein knapper, aber zur Einführung in die Thematik wie zur Orientierung in diesem weiten historischen Feld sehr wichtiger Beitrag. Bleibt nur zu hoffen, daß das Buch nicht schon mit seinem Erscheinen selbst Wissenschaftsgeschichte geworden ist.
Rezension: Berkemer, Georg





