Als im Sommer 1985 eine Gruppe von Bergsteigern den Gipfel des Aconcagua in den argentinischen Anden erklomm, machten sie auf rund 5.300 Metern Höhe einen ungewöhnlichen Fund: Am Boden lag, noch halb vergraben, der tote, stark vertrocknete Körper eines Kindes. Archäologen bargen die in Tücher gehüllten Überreste, die von sechs kleinen Statuen umgeben waren. Sie stellten fest, dass es sich um die Mumie eines rund siebenjährigen Inkajungen handelte. Mehr als 500 Jahre lang war sein Körper in der eisigen, trockenen Bergluft nahezu unversehrt konserviert geblieben.
Geopfert beim Capacocha-Ritual
Seither haben zahlreiche weitere Untersuchungen das Schicksal dieses Inkajungen rekonstruiert. “Er wurde als ein Opfer des Inkarituals Capacocha identifiziert, eine Opferzeremonie, die im Reich der Inka häufig war”, erklären Alberto Gómez-Carballa von der Universität von Santiago de Compostela und seine Kollegen. “Zu Ehren der Götter wurden dabei Kinder von besonderer Schönheit und guter Gesundheit geopfert.”
Die herrschende Elite nutzte dieses ausgefeilte Ritual, um das Volk zu einen und wichtige Ereignisse wie den Tod eines Herrschers oder einen Sieg zu feiern. Für das Opfer wurden Kinder, oft aus unterworfenen Stämmen, aufgepäppelt und in einer feierlichen Prozession zum Opferort geführt. Oft standen sie dabei unter Drogen, wie Analysen solcher Kindermumien ergaben. Auf dem Berggipfel angekommen, tötete man sie in einer Zeremonie oder mauerte sie lebendig ein.
Der Inkajunge kam von weit her
Auch der auf dem Aconcagua gefundene Inkajunge lebte ursprünglich nicht in dieser Region, wie Isotopenanalysen nahelegen. Denn er ernährte sich zwar im letzten Jahr vor seinem Tod vorwiegend von Mais, Bohnen und Fleisch, hatte aber davor fast nur Fisch und Meeresfrüchte gegessen. Vermutlich wuchs er daher an der Pazifikküste Perus oder Chiles auf und wurde dann für das Inkaritual von dort weggebracht.
Noch mehr zur Herkunft dieses Inkajungen haben Gómez-Carballa und seine Kollegen nun mit Hilfe einer Genanalyse herausgefunden. Erstmals gelang es ihnen dabei, das komplette mitochondriale Genom einer Andenmumie zu isolieren und zu entziffern. Dieser Teil des Erbguts liegt nicht im Zellkern, sondern in den “Kraftwerken der Zelle”, den Mitochondrien. Weitergegeben wird diese DNA daher nur über die Eizelle und damit über die mütterliche Linie. Sie eignet sich dadurch besonders gut für Abstammungsuntersuchungen.
Erbgut eines Küstenvolks
Die Analysen dieses Erbguts bestätigen eine peruanische Herkunft des Inkajungen. Denn seine DNA ähnelt der von Menschen, die einst in Peru und entlang der Pazifikküste lebten. Auch bei einem Vertreter der Wari-Kultur, die vor den Inka in diesem Gebiet verbreitet war, fanden die Forscher sehr ähnliche Gensignaturen. “Eine Herkunft in dieser Region passt daher sehr gut sowohl zu den genetischen als auch zu den paläo-anthropologischen Befunden”, sagen die Wissenschaftler.





