Die Beschäftigung mit Völkermord ist immer auch ein Bemühen, das Unbegreifliche begreifen zu wollen. Nun ist das Tagebuch von Lothar von Trotha, der als Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwestafrika hauptverantwortlich für den Genozid an den Ovaherero war, als Buch publiziert. Damit wird ein neuer Blick auf Trotha möglich, der sinnvoll ist, weil Trotha in seiner von Berlin aus kaum zu kontrollierenden Position weitestgehend selbständig handeln konnte. Niemandem gegenüber war er in Südwestafrika Rechenschaft schuldig, Berlin war weit weg. Natürlich musste er Verantwortung für sein Tun übernehmen. Und natürlich konnten seine Entscheidungen revidiert werden. Aber bis dahin war er es allein, der die Entscheidungen traf. Eines der vielen „Basta!“, die den Tagebuchtext Trothas durchziehen, wäre an dieser Stelle am richtigen Platz.
Einzelne, klägliche Versuche Alfred von Schlieffens, Chef des Generalstabs der Armee, von Berlin aus Einfluss auf die Kriegführung zu nehmen, wies Trotha stets als lächerlich zurück. In dieser Konstellation tritt die Frage nach der Organisation und Struktur des deutschen Militärkontingents deutlich zurück hinter die Frage nach dem Individuum, der Person des Oberbefehlshabers.





