Seine Karriere am Berliner Hof hatte bereits unter Friedrich Wilhelm IV. begonnen. Neben dem Amt des Oberzeremonienmeisters, das er seit 1853 innehatte, berief der Monarch ihn 1855 außerdem zum Leiter des mit Adelsangelegenheiten aller Art befassten Heroldsamts und ein Jahr später zusätzlich zum Direktor des Königlichen Hausarchivs. Dass Stillfried zugleich ein produktiver Geschichtsschreiber des Hauses Hohenzollern war, bezeugen zahlreiche Publikationen.
Das Wirken des Grafen am Berliner Hof schlug sich unter anderem in akribisch geführten Tagebüchern nieder. Insgesamt sind es 32 Bände in schwarzem Lederband mit Goldschnitt, die der Schlesier bis wenige Wochen vor seinem Tod im Jahr 1882 kontinuierlich mit Beobachtungen und Gedanken füllte. Es ist ein Glücksfall, dass Stillfrieds Tagebücher, die zudem eine Vielzahl an bildlichen Darstellungen, Fotografien, Plänen, Zeitungsartikeln, Visitenkarten und sogar eine Haarlocke seiner ersten Ehefrau enthalten, bis heute erhalten sind. Die Historiker Joachim Bahlcke und Roland Gehrke haben diese reichhaltige kulturgeschichtliche Quelle nun erstmals in einer historisch-kritischen Edition zugänglich gemacht.
Die Aufzeichnungen des Aristokraten geben vielfältige Einblicke in die höfische Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, in die Hierarchie am preußischen Hof, seine Funktionsweisen und Kommunikationskanäle. Und natürlich werfen sie auch Licht auf die Menschen, die sich in diesen Kreisen bewegten, und deren Beziehungen zueinander. Stillfried dokumentierte seine Eindrücke dabei häufig recht unverfroren, wie etwa eine Äußerung über Prinz Friedrich von Württemberg zeigt: Nach einer Begegnung bei der Geburtstagsfeier des preußischen Königs am 15. Oktober 1852 in Sanssouci bezeichnete er den Prinzen als „fruchtlos untreu“ – eine spöttische Anspielung auf den Wahlspruch des Württembergischen Königreichs „Furchtlos und treu“.





