Lutz Hachmeister hat ein Buch zu „Hitlers Interviews“ vorgelegt, wobei der Untertitel das eigentliche Erkenntnisinteresse des Historikers und Publizisten zum Ausdruck bringt: „Der Diktator und die Journalisten“. Die Interviews bilden letztlich nur einen dürren roten Faden, keines ist in seinen Kontexten wirklich tiefschürfend analysiert worden. Der Fokus des Buches liegt wieder einmal auf der NS-Propaganda. Es handelt sich zudem um ein „Sachbuch“, verfasst ohne eigene Archivrecherchen, basierend auf den Forschungen anderer. Leider sind auch die wenigen Belege weitgehend nutzlos, sie führen die Leser, die nach Belegstellen eines Zitats oder eines Argumentes suchen, in die Irre oder gar ins Nichts.
Hachmeister mutmaßt, Hitler habe generell keine Interviews geben wollen. Doch auch wenn es im Vergleich vom munterer parlierenden und auch besser daran verdienenden Diktatorenkollegen Benito Mussolini mehr Interviews gibt, wurden Hitlers Interviews stets in bedeutenden politischen Situationen und mit wichtigen politischen Botschaften für die internationale Öffentlichkeit gegeben.
Einige wenige interessante Spuren werden beim Lesen des Buches deutlich, die Hachmeister selbst aber gar nicht gesehen zu haben scheint: Der exterminatorische Antisemitismus war von Anfang an da. Bereits in den frühen Interviews, etwa mit Giulio de Benedetti im März 1923, ging es ganz offenherzig um die beste Art der Ermordung aller Juden. Dies macht einen großen Unterschied für die Frage, ob man den Mord an den europäischen Juden für ein vor allem von der Kriegsdynamik bestimmtes, geradezu spontanes Ereignis hält oder erkennt, dass Hitler und die Seinen bereits seit Jahrzehnten ventilierten, hin und wieder auch öffentlich, wie man Millionen Menschen vernichten könnte.
Auf dem Buchrücken prangt die Frage „Wie interviewt man einen Diktator?“ Hachmeisters Antwort: Am besten gar nicht. Journalisten sollten Diktatoren keinen Raum in der Weltöffentlichkeit einräumen. Diktatoreninterviewer, so die etwas plumpe Journalistenschelte, verfolgten nur egoistisch ihre „Scoops“ und bestenfalls kurzfristigen Nachrichtenwert. Doch diese Sicht ist zu schlicht. Die Hitler-Interviews, von den offenkundigen Fälschungen abgesehen, enthalten erschreckend viel Wahrheit und erstaunlich wenig Lügen. Ob man durch sie zu einem überzeugten Nationalsozialisten, Hitler-Anhänger und Antisemiten wurde, wenn man nicht bereits für diese Ideologie gewonnen war, sei dahingestellt. Der Weltöffentlichkeit enthüllten Hitlers Interviews zwischen 1922 und 1940 immer wieder, kohärent und konsistent, mit was für einem Politiker man es zu tun hatte. Man musste sie nur lesen und verstehen.
Rezension: PD Dr. Norman Domeier
Lutz Hachmeister
Hitlers Interviews
Der Diktator und die Journalisten
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024, 384 Seiten, € 28,–.





