Vor rund 6000 Jahren entwickelten sich im südlichen Mesopotamien die ersten sumerischen Städte und Stadtstaaten. Das fruchtbare Gebiet zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris und der nahen Küste des Persischen Golfs schuf beste Bedingungen für den Aufstieg dieser frühen Hochkultur. Einer der bedeutenden Stadtstaaten war der aus den drei Städten Girsu, Nigin und Lagasch zusammengesetzte Ballungsraum Lagasch. Er hatte seine Blütezeit im dritten Jahrtausend vor Christus.
Zentrum der sumerischen Zivilisation
“Mit mehr als 450 Hektar Fläche war Lagasch damals einer der größten Siedlungsräume im südlichen Irak”, erklärt die Archäologin Holly Pittman von der University of Pennsylvania. “Dieser Ort war von großer politischer, wirtschaftlicher und religiöser Bedeutung. Es war zudem ein Bevölkerungszentrum mit gutem Zugang zu fruchtbarem Land und genug Arbeitskräften für produktives Handwerk.” Schon seit den 1930er Jahren erforschen US-Wissenschaftler gemeinsam mit Archäologen des British Museum in London die sumerischen Stätten im Süden des Irak. 1953 wurde bei Ausgrabungen am sogenannten Tell al-Hiba eine Steininschrift entdeckt, die die dort gefundene Ruinen als Überreste von Lagasch identifizierten.
Seit dem Jahr 2019 führen nun Pittman und ihr Team zusammen mit Kollegen der Universität Pisa eine neue Phase der Ausgrabungen in Lagasch durch. Die Archäologen setzen dabei modernste Technologien ein, darunter drohnengestützte Luftaufnahmen und thermische Bildgebung, Magnetometer sowie mikrostratigrafische Proben und Sedimentbohrkerne. Auf diese Weise erhalten sie Aufschluss über die verschiedenen Siedlungsschichten des alten Lagasch, ohne die Relikte zu zerstören. “Es ist nicht wie früher, als Archäologen die großen Hügel abtrugen, um Tempel zu finden”, erklärt Pittmans Kollege Zaid Alrawi. “Wir nutzen unsere Techniken und schauen dann, basierend auf wissenschaftlichen Prioritäten welche Bereiche wir uns näher anschauen.”

Eine Taverne und mehrere Keramikwerkstätten
Während der letzten Ausgrabungssaison im Jahr 2022 ist das Team dabei auf interessante Funde gestoßen. In einem Stadtviertel von Lagasch entdeckten sie nur 50 Zentimeter unter der Oberfläche die Überreste einer großen “Taverne” – eine Art öffentliche Kantine oder Wirtshaus mit langen Steinbänken, einer Art Kühlschrank, einem Ofen und zahlreichen Vorratsbehältern, von denen einige noch Speisereste enthielten. “Es war ein öffentlicher Essensraum aus der Zeit um 2700 vor Christus”, berichtet Pittman. “Ein Teil dieser Kantine war im Freien, ein Teil bildete den Küchenbereich.”





