Der Blick richtet sich auf das Jordantal südlich des Sees Genezareth: In der Antike stand dort auf dem Hügel Tell Iẓṭabba eine Stadt, die als Nysa-Scythopolis oder auch als Beth Shean bezeichnet wird. Die Siedlung wurde zu einer hellenistischen Stadt ausgebaut, als Palästina Teil des Seleukidenreichs war, das sich in der Ära nach den Eroberungen Alexander des Großen gebildet hatte. Im Rahmen eines archäologischen Projekts führen israelische und deutsche Forscher auf dem Tell Iẓṭabba Ausgrabungen durch, um die interessante Geschichte der Stadt zu beleuchten.
Erfolgreicher Aufstand gegen die Seleukiden
Es ist bekannt, dass Nysa-Scythopolis in einer Ära der Schwäche des Seleukidenreichs zerstört wurde. Das judäische Herrschergeschlecht der Hasmonäer hatte damals die Chance genutzt, wieder einen unabhängigen jüdischen Staat in der Region aufzubauen. Durch einen Feldzug gelang es ihnen am Ende des 2. Jahrhundert v. Chr., viele Stützpunkte der Seleukiden in Palästina zu erobern. Unter der Leitung des Jerusalemer Hohepriesters Johannes Hyrkanos wurde so auch die Stadt Nysa-Scythopolis zerstört. Wann genau das war, blieb bisher allerdings unklar.
„Die Zerstörung der hellenistischen Stadt durch den Feldzug der Hasmonäer wurde bislang zeitlich zwischen 111 und 107 v. Chr. eingeordnet“, sagt Achim Lichtenberger von der Universität Münster. Wie Lichtenberger berichtet, konnte der Zeitrahmen aber mittlerweile durch Münzfunde des Wissenschaftlerteams auf 108/107 v. Chr. eingegrenzt werden. „Mit unserem Multi-Proxy-Ansatz, der mehrere Analyseverfahren berücksichtigt, können wir die Ereignisse jetzt sogar erstmals sicher auf den Frühling 107 v. Chr. datieren“, so Lichtenberger.
„Der Frühling war die Zeit der Zerstörung“
„In den von den Hasmonäern zerstörten Wohnhäusern stießen wir auf Hühnerbeinknochen”, berichtet Lichtenbergers Kollege Oren Tal von der Universität Tel Aviv. „Deren Analyse brachte markhaltige Ablagerungen hervor, die der Eierschalenproduktion zur Legezeit im Frühjahr dienten. Dies weist auf eine Schlachtung der Hühner im Frühling hin“, erklär der Archäologe. Außerdem entdeckten die Wissenschaftler in den Zerstörungsschichten die Spuren eines speziellen Nahrungsmittels: Häuser von Feldschnecken. Ihnen zufolge konnten sie nur im vergleichsweise feuchten und kühlen Frühling gesammelt und zeitnah vor der Zerstörung verspeist worden sein. Wie die Forscher berichten, passen Spuren von im Frühjahr blühenden Pflanzen ebenfalls zu der zeitlichen Einordnung.
Abgerundet wurde das Bild durch eine Recherche in literarischen Erwähnungen des Feldzuges: „Die zeitgenössische hebräische Schriftrolle – der Megillat Ta’anit – über die Eroberung durch die Hasmonäer, auch als Schrift des Fastens bekannt, berichtet von der Vertreibung der Bewohner im hebräischen Monat Sivan, was unserem Mai/Juni entspricht“, sagt Tal.





