Das salische Jahrhundert dauerte von 1024 bis 1125. In direkter Abfolge von Vätern und Söhnen regierten vier Könige bzw. Kaiser: Konrad II. (1024–1039) – Heinrich III. (1039–1056) – Heinrich IV. (1056–1106) – Heinrich V. (1106–1125). Und doch verstellt die scheinbare Kontinuität von vier Herrschern die gewaltigen Zäsuren, die das salische Jahrhundert zu einer der wichtigsten Umbruchepochen in der europäischen Geschichte machten. Aus der Krise der Monarchie erwuchsen damals neue Wege für die Vielfalt im Reich.
Erbitterter Kampf zwischen Papst und König stellt Gewissheiten in Frage: „Der Erdkreis erzitterte“
„Ich lese wieder und wieder die Geschichte der römischen Könige und Kaiser, aber ich finde vor Heinrich keinen einzigen unter ihnen, der vom römischen Papst exkommuniziert oder abgesetzt worden ist.“ Diesen Seufzer notierte Bischof Otto von Freising (gest. 1158) sieben Jahrzehnte nachdem sich Papst Gregor VII. (1073–1085) und König Heinrich IV. gegenseitig mit Bannflüchen verwünscht hatten. Der Chronist war über den Lauf der Geschichte entsetzt, weil der erbitterte Kampf zwischen Papst und König um Vorrang auf Erden die alte Ordnung in Kirche und Reich zerstörte. Deshalb, so schrieb Bischof Bonizo von Sutri als Parteigänger Gregors VII., „erzitterte unser ganzer römischer Erdkreis“.
Gerne reduzierte man die Brüche im 11. Jahrhundert auf die berühmte Geschichte von der Unterwerfung Heinrichs IV. unter den Papst in der oberitalienischen Burg Canossa. 1077 verkehrte sich die etablierte Rangordnung zwischen Papst und König. Zuvor mussten die Päpste den Kaisern als den Stellvertretern Gottes auf Erden gehorchen. Kaiser Heinrich III., der Vater des Canossa-Königs, galt noch als „zweiter auf dem Erdkreis nach dem Herrn des Himmels“. Immer wieder setzten die ersten beiden salischen Kaiser ihren gestalterischen Willen in Reich und Kirche durch.
Mit der Demütigung Heinrichs IV. vor dem Papst veränderte sich das Oben und Unten. Seither präsentierten sich die Päpste als Gottes Stellvertreter auf Erden. Der König verlor seine sakrale Aura und wurde zum bloßen Laien. Für seinen Weg zu Gott brauchte er die Anleitung der Geistlichen. Hatten die ersten zwei Salier ihre Kaiserkrönung in Rom noch triumphal von den rechtmäßigen Päpsten erlangt, so fanden die Kaisererhebungen der letzten beiden Salier im Streit statt. Zuerst hatte sich der Zwist an der Frage entzündet, ob der König in seinem Reich die Bischöfe und Äbte einsetzen dürfe – „investieren“ – daher kommt der Name Investiturstreit.
Aber es ging um viel mehr als nur um die Investitur. Wenn die höchsten Autoritäten stritten, musste jeder Mensch selbst entscheiden, was richtig oder falsch, was gut oder böse war. Damals entwickelten sich die Prinzipien des dialektischen Abwägens. Bald fand die neue Argumentationskultur eine intellektuelle Heimat an den entstehenden Hohen Schulen und Universitäten in Italien und Frankreich.





