Der Frankfurter Althistoriker Klaus Bringmann hat dem schon zu seinen Lebzeiten umstrittenen römischen Kaiser jetzt eine Biographie gewidmet. Bringmann, der Fachwelt hauptsächlich als Experte für Hellenismus und die Römische Republik bekannt, versteht es, auf knapp 200 Textseiten den Herrscher Julian, seine Epoche und sein geistig-kulturelles Umfeld lebendig werden zu lassen, ohne den Quellen durch Überinterpretation Gewalt anzutun. Mit gutem Grund widersteht er der Versuchung, ein Psychogramm des Apostaten zeichnen zu wollen. Der sich früh vom Christentum abwendende Julian lebte lange Jahre als Krypto-Heide unter Christen, während sein Vetter Constantius II. regierte. 355 wurde er zum Caesar ernannt – auch von Constantius, gegen den er sich schließlich erhob. Der unvermittelte Tod des Konkurrenten, durch den Julian für gerade einmal 20 Monate zum Alleinherrscher wurde, ersparte dem Reich den Bürgerkrieg. Julian hob die Privilegien der christlichen Kirche auf und machte sich tatkräftig an den Aufbau einer kirchenähnlichen Organisation für das Heidentum.
Was wäre geschehen, wäre Julian nicht in dem von seinem Vorgänger geerbten Perserkrieg umgekommen? Das Buch weicht kontrafaktischer Spekulation nicht aus, und das mit Recht, verleiht doch erst die Frage, ob Julians heidnische Reaktion Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, der hi-storischen Figur ihre Brisanz. Bringmanns Antwort ist ein vorsichtiges, abwägendes „Ja“, dem man sich nach der in jeder Hinsicht gewinnbringenden Lektüre gern anschließt.
Rezension: Sommer, Michael





