Von der wilhelminischen Ära als einem „Zeitalter der Sicherheit”, sogar einem „goldenen“, sprach der Schriftsteller Stefan Zweig im Jahr 1941 rückblickend in seinem autobiographischen Werk „Die Welt von Gestern”. Verglichen mit der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs erschien ihm und seinen Zeitgenossen die 1888 begonnene Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. demnach als besonders stabil und sicher. Gekennzeichnet war diese Ära durch ein sehr konservatives, eher rückwärtsgewandtes gesellschaftliches Klima und eine fast neobarocke Prunk-Architektur. Auf europäischer Eben wird diese Zeit unter anderem deshalb auch als “Belle Époque” bezeichnet.
Widersprüchliche Deutungen
Aber wie “schön” und sicher war die wilhelminische Ära wirklich? Und wie empfanden dies die damals lebenden Menschen? Das hat der Historiker Amerigo Caruso von der Universität Bonn in seiner Studie „‚Blut und Eisen auch im Innern‘ – Soziale Konflikte, Massenpolitik und Gewalt in Deutschland vor 1914“ erstmals im Detail untersucht. Dafür wertete der Forscher historische Dokumente, darunter vor allem auch Pressemeldungen der damaligen Zeit aus. Das Ergebnis: Anders als es der idealisierte Blick aus der Zeit der Weltkriege nahelegt, empfanden die Menschen des Kaiserreichs ihre Zeit keineswegs als besonders friedlich – im Gegenteil: Bedrohungskommunikation, Unsicherheitsgefühle und medialisierte Gewalt seien damals ständig präsent gewesen, sagt Caruso.
Als einen Grund dafür sieht der Historiker die zahlreichen Widersprüche, durch die das wilhelminische Kaiserreich gekennzeichnet war – und die diametral entgegengesetzte Deutungsmuster hervorbrachten: “Für die Verfechter der Demokratisierung war das Kaiserreich ein autoritäres Herrschaftssystem, in dem rechtliche Diskriminierung und Repression zum Alltag gehörten. Für Demokratiegegner hingegen war das wilhelminische System zu liberal”, erklärt Caruso. Als Gegenströmung zum konservativen, patriarchalischen Regierungsstil Wilhelms II. und der rigiden Gesellschaftsordnung mehrten sich vor allem Proteste der Arbeiterschaft. Die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften verdoppelten nach der Jahrhundertwende in nur vier Jahren ihre Mitgliederzahl auf rund eine Million.
“Diskursive Konstruktion von Bedrohungen”
Die extrem unterschiedlichen Sichtweisen auf diese Entwicklungen zeigen sich auf der einen Seite in Äußerungen von konservativer Seite aus. Wilhelm II. drohte mit „Blut und Eisen auch im Innern“, um „gesunde Zustände“ herbeizuführen. Unternehmer und konservative Presse sprachen von „Streikterrorismus“, um die Streikenden zu kriminalisieren und sie zu einem integralen Bestandteil eines generellen Bedrohungsszenarios für die etablierte Ordnung zu machen. Streiks und Protestbewegungen galten für diese gleich in mehrfacher Hinsicht als Gefahr für die innere Sicherheit: politisch-ideologisch, militärisch, volkswirtschaftlich und privatkapitalistisch, wie der Historiker in seiner Studie erklärt.





