Als die Forscher auf die Knochen eines großen Säugetieres stießen, nahm man zunächst an, dass es sich um ein Pferd oder Rind handelte. Ein Experte identifizierte die Überreste schließlich anhand der Mittelhand- und Mittelfußknochen als Kamel. Weitere Funde, darunter eine Münze und ein Arzneifläschchen, ermöglichen eine recht genaue Datierung des Befundkomplexes in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund ist ein Kamel in Österreich nicht mehr ganz so überraschend: Das Tier war vermutlich im Zuge des zweiten Türkenkrieges in die Gegend gelangt. Kamele dienten im Osmanischen Heer häufig als Reit- und Lasttiere, sowie in Notfällen auch als Proviant für die Soldaten.
DNA-Analysen ergaben, dass es sich genau genommen um einen Hybriden handelte: Die Mutter des Tieres war ein Dromedar, der Vater ein Trampeltier. Auch dies sei nicht ungewöhnlich, erläutert Archäozoologe Alfred Galik: Hybriden seien wegen ihrer höheren Ausdauer, ihrer Genügsamkeit und ihrer Größe gern im Heer eingesetzt worden. Auch Alter und Geschlecht des Kamels konnten bestimmt werden. Es war männlich und starb mit etwa sieben Jahren. Die Todesursache ist jedoch unklar. Da sich die Knochen im Körperverbund befanden, ist es unwahrscheinlich, dass das Tier geschlachtet und zerlegt worden ist. Möglicherweise kam es durch einen Tauschhandel in den Besitz der lokalen Bevölkerung, die mit der Versorgung des „Wüstenschiffs” überfordert war, so dass es eines natürlichen Todes starb.
Seit der Römerzeit sind vereinzelte Kamelknochen in Mitteleuropa nachweisbar, das nun gefundene Tullner Kamel ist jedoch das einzige komplett erhaltene Kamelskelett.





