Die vernichtende militärische Niederlage Preußens gegen die Armeen Napoleons I. in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806 entwickelte sich zur größten Katastrophe, die der Hohenzollernmonarchie in ihrer 500-jährigen Geschichte bis zu ihrem Untergang 1918 widerfahren sollte. Zugleich jedoch setzte der auf das militärische Desaster folgende Zusammenbruch des alten Preußen jene schöpferischen Energien frei, von denen die Kräfte der Reform gespeist wurden. Sie machten Preußen in wenigen Jahren zu einem modernen Staatswesen und schufen Strukturen, die bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatten.
Als das preußische Königspaar im Frühsommer 1805 eine Reise durch seine fränkischen Besitzungen Ansbach und Bayreuth unternahm, ahnte niemand etwas von der bevorstehenden Katastrophe. Im Gegenteil: Während fast überall in Europa Krieg und Zerstörung herrschten, lebten die Bürger Preußens seit über einem Jahrzehnt in tiefstem Frieden. Während andernorts Könige und Fürsten ihre Throne einbüßten und sogar ihr Leben verloren, erfreute sich das preußische Herrscherpaar beim Volk größter Beliebtheit. Und während eine Unzahl kleinerer und mittlerer Länder des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation territoriale Verluste hinnehmen musste oder gänzlich von der Landkarte verschwand, besaß das preußische Staats‧gebiet damals einen Umfang, wie man ihn sich selbst zu Zeiten Friedrichs des Großen nicht entfernt zu erträumen gewagt hätte.
Der territoriale Ausgriff ins Große war in den 1790er Jahren erfolgt. Zunächst waren die Fürstentümer Ansbach und Bayreuth durch Kauf von den fränkischen Hohenzollern in den Besitz der preußischen Hauptlinie gelangt. Dann hatte die zweite Teilung Polens Preußen 1793 neben Danzig und Thorn auch Posen, Gnesen und Kalisch gebracht („Südpreußen“). In der dritten Teilung Polens schließlich gewann der Hohenzollernstaat 1795 Masowien, Warschau sowie große Gebiete zwischen Weichsel, Bug und Njemen („Neuostpreußen“).
Dieser immense Territorialerwerb im Osten hatte gleichsam im Windschatten der revolutionären Herausforderung im Westen stattgefunden. Dort hatte sich Preußen, in antirevolutionärer Solidargemeinschaft mit Österreich, später auch mit England und Holland, zwar zunächst am Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich beteiligt, war dann aber eigenmächtig aus dem Kreis der Alliierten ausgeschieden und hatte im Sonderfrieden von Basel 1795 der Abtretung aller preußischen Gebiete auf dem linken Rheinufer an Frankreich zugestimmt. Dies geschah unter der Voraussetzung, dass der Hohenzollernstaat dafür später territoriale Entschädigungen aus dem rechtsrheinischen Besitzstand geistlicher Fürstentümer erhalten sollte. Damit begann, noch in der Regierungszeit Friedrich Wilhelms II. (1786 –1797), eine mehr als zehnjährige Phase preußischer Neutralitätspolitik und Friedenswahrung um jeden Preis. Diese Politik war im Land zunächst populär – zumal Preußen seine Neutralität auch im Zweiten Koalitionskrieg Österreichs, Englands und Russlands gegen Frankreich 1798/99 gewahrt hatte, gleichwohl aber von den darauffolgenden Friedensbestimmungen profitieren konnte. Aufgrund einer neuerlichen Abmachung mit Frankreich erhielt es im Rahmen der Bestimmungen des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 als Kompensation für die 1795 an Frankreich abgegebenen niederrheinischen Gebiete umfangreiche säkularisierte geistliche Territorien, so das Hochstift Paderborn, einen Teil des Fürstbistums Münster, die Abteien Essen, Elten und Werden, Hildesheim, das Eichsfeld und Erfurt.





