Die im Sammelband versammelten Aufsätze gehen auf eine wissenschaftliche Tagung zurück, die unter fast identischem Titel im November 2013 an der Universität Rostock abgehalten wurde. Das Spektrum der publizierten Forschungsbeiträge ist dabei sowohl thematisch als auch geographisch breit gefächert. Der verwendete wissenschaftliche Ansatz ist durchgängig ein kulturhistorischer, der Strukturen und Rahmenbedingungen anstelle einer bloßen Ereignis- oder Organisationsgeschichte in den Fokus nimmt. Nachdem ein erster Aufsatz einen Überblick über die Geheimdienstgeschichte von der Zeit der ägyptischen Pharaonen bis zur Gegenwart geliefert hat, widmen sich mehrere Beiträge der Bedeutung von geheimem Wissen vor dem Hintergrund der imperialistischen Weltpolitik der Kolonialmächte. So beschäftigt sich Christian W. Schmidt mit der Nachrichtenbeschaffung deutscher Diplomaten im chinesischen Kaiserreich um die Jahrhundertwende und thematisiert dabei die zwiespältige Haltung der deutschen Akteure, die einerseits die klassische Spionage für unter ihrer Würde hielten, andererseits zum Zwecke der Informationssammlung bedenkenlos einheimische Informanten einsetzten, auf deren Sicherheit sie jedoch keinerlei Wert legten. Ein zweiter Abschnitt des Bands thematisiert das Spannungsverhältnis von Geheimhaltung und Öffentlichkeit. Wie beispielsweise die Verfolgung vermeintlicher Landesverräter in der Weimarer Republik eher der Schaffung eines nationalen Gemeinschaftsgefühls als der tatsächlichen Feindabwehr diente und insbesondere während des Ruhrkampfs hysterische Züge annahm, veranschaulicht Daniel Münzers Beitrag, der allerdings auf eine Untersuchung von Pressediskursen verzichtet. Stärkeren Fokus auf den klassischen Kern von geheimdienstlicher Arbeit legen die beiden Forschungsbeiträge über die militärische Informationsbeschaffung im japanischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Frederik Müller versucht in seiner Arbeit wiederum die nationalspezifischen kulturellen Deutungsmuster auszumachen, die sich in deutschen Spionageromanen der Zwischenkriegszeit manifestieren.
Die einzelnen hier versammelten Forschungsarbeiten lenken den Blick auf viele interessante Themenfelder und Aspekte wie etwa das aggressive Vorgehen des Geheimen Meldedienstes der deutschen Abwehr 1919–33, der sogar ukrainische Separatisten in Polen unterstützte, oder die wechselnden Strategien, mit denen die nationalsozialistische Staatsführung ausländische Pressekorrespondenten einerseits zu umwerben, andererseits zu kontrollieren trachtete. Die Auswahl der Untersuchungsgegenstände streift dabei auch Themen, die man nicht auf den ersten Blick mit Geheimdienstgeschichte assoziieren würde. So beschäftigt sich Mitherausgeberin Lisa Medrow mit der Doppelrolle eines niederländischen Islamwissenschaftlers als Gelehrter und Kolonialbeamter, während Claire-Amandine Soulié den Umgang des britischen Militärs mit Zeitungskorrespondenten während des Burenkriegs analysiert. Dies bietet zusätzliche Erkenntnisgewinne, doch vermisst man nicht zuletzt deshalb gelegentlich den roten Faden im thematischen Zuschnitt des Bands. Bedauern dürfte der eine oder andere Leser auch das Fehlen von Literaturverzeichnissen am Ende der jeweiligen Aufsätze als mögliche Ergänzung zu den Fußnoten. Insgesamt liefert der Sammelband aber vielfältige und aufschlussreiche Einblicke in die unterschiedlichen Bereiche der Geheimdienstgeschichte.





