Das nach dem Niedergang des Karolingerreiches von Fehden und Machtkämpfen erschütterte Land erlebt im 10. Jahrhundert ein wirtschaftliches Wachstum, das nicht allein auf die merkliche Klimaverbesserung zurückzuführen ist, die bis in das 14. Jahrhundert anhält. Auch die Bevölkerung vermehrt sich deutlich – auf das Dreifache. Wächst sie, weil mehr Nahrungsmittel vorhanden sind, oder müssen mehr Nahrungsmittel erzeugt werden, weil die Zahl der Menschen zunimmt? Wie dem auch sei – ein Blick auf die Landwirtschaft lohnt sich, da sie für die Mehrheit der Bevölkerung die Existenzgrundlage ist und damit eine Lebensfrage für die gesamte Gesellschaft darstellt. Um die Jahrtausendwende sind 90 Prozent der Menschen in der Mitte Europas damit beschäftigt, mit Hilfe landwirtschaftlicher Arbeit für die tägliche Ernährung zu sorgen. Sie müssen die restlichen zehn Prozent – adlige und kirchliche Grundherren sowie alle in der herrschaftlichen Verwaltung oder in sich spezialisierenden Berufen Tätigen (zum Beispiel Handwerker) mit ernähren. Das mag einfach erscheinen, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Das Hauptproblem war die mangelnde Produktivität in der Landwirtschaft: Der Ernteertrag machte nur ungefähr das Dreifache des eingesetzten Saatgutes aus, so daß von jeder Ernte wieder ein Drittel für die nächste Aussaat reserviert werden mußte. Für die Ernährung stand also nur das Doppelte der eingesetzten Menge zur Verfügung. Hinzu kamen Mißernten und Seuchen, so daß Hungersnöte immer wieder die Existenz eines Großteils der Menschen bedrohte. Nördlich der Alpen ist die Landschaft zu Beginn des Mittelalters von Urwald aus dichtem Hochwald und lichten Gehölzen geprägt, unterbrochen nur von kleineren Ackerflächen um Gehöfte und Weiler, dazu wenigen Städten, die zum Teil aus der Römerzeit stammen, aber einen beträchtlichen Teil ihrer Bevölkerung verloren haben. In den Wäldern herrschen Laubbäume vor, nur in höheren Lagen der Mittelgebirge finden sich Nadelbäume. Tiere des Waldes sind Rehe, Hirsche und Wildschweine, aber auch Wölfe und Braunbären, dazu Luchse und Biber. Selbst Wildpferde und Elche sind gelegentlich anzutreffen. Das Großwild verschwindet allerdings mit der agrarischen Nutzung des Waldes. In Europa entwickelt sich im Lauf des Mittelalters eine Kulturlandschaft. Die Bauern lebten auf einzelstehenden oder zu kleinen Weilern zusammengeschlossenen Gehöften, die gewöhnlich Wohnhaus, Speicher und Backhaus umfassen. Ihre Häuser bestehen meist nur aus einem Raum, in dem gewohnt, gekocht und geschlafen wird. Im Winter finden hier auch Kühe, Schweine und Hühner Schutz vor der Kälte. Die Häuser sind zuerst fensterlos. Licht fällt durch Tür und Dachluke, die offene Feuerstelle spendet Helligkeit und Wärme. Auf den Böden aus gestampftem Lehm stehen Bettkisten mit Strohsäcken, Schemel und Bänke dienen zum Sitzen; Stühle gibt es selten. Auf einem grobgezimmerten Tisch stehen hölzerne Schüsseln, aus denen man mit einem Holzlöffel ißt. Auch die Kleidung der Bauern ist sehr einfach gearbeitet aus grobem Leinen und Schafswolle. Das Dorf besteht meist aus fünf bis zehn Gehöften, die von Gartenland umgeben sind. Daran schließen sich die Felder an. Im Zentrum der landwirtschaftlichen Produktion steht der Getreideanbau. Korn findet beim Backen von Brot und Kuchen Verwendung, bei der Zubereitung von Breien und bei der Herstellung von Bier als dem eigentlichen Volksgetränk. Roggen hat sich zur wichtigsten Getreideart im Norden und Osten Mitteleuropas entwickelt, dazu kommt als Sommerfrucht und in bergigeren Gegenden Hafer. Von den Alpen bis ins Rheinland, vom Osten Belgiens bis nach Bayern erstreckt sich das Hauptanbaugebiet von Dinkel, einer Getreideart, die anspruchsvoller als Roggen, aber weniger empfindlich als der selten angebaute Weizen ist. Gerste, vom Roggen verdrängt, gewinnt erst wieder mit dem 14. Jahrhundert als Viehfutter und für die Bierherstellung an Bedeutung…





