Schon früher hatte es Hinweise auf Kannibalismus bei den Neandertalern gegeben: Entsprechende Spuren waren an Knochenfunden aus Spanien und Frankreich entdeckt worden. Nun rundet sich das Bild durch die Untersuchungsergebnisse der Überreste aus den Höhlen von Goyet in Belgien ab: Es handelt sich um den ersten Nachweis von Kannibalismus unter Neandertalern im nördlichen Europa.
Die Knochenstücke repräsentieren die Überreste von mindestens fünf Individuen, berichten die Forscher. Die Radiokarbon-Datierung ergab ein Alter von 40.500 bis 45.500 Jahren. Es handelte sich somit um späte Vertreter der Neandertaler: Die archaische Menschenform verschwanden vor etwa 30.000 Jahren, nachdem sich der moderne Mensch in ihrem Lebensraum breit gemacht hatte.
Intensiv ausgeschlachtet
Die Detailuntersuchungen der Überreste offenbarten menschengemachte Veränderungen durch Schnitte und Schläge, berichten die Forscher. Ihnen zufolge waren die Körperteile intensiv ausgeschlachtet worden: Es handelt sich um die typischen Spuren von Enthäutung, Zerteilung und der Entnahme des Knochenmarks. „Die zahlreichen in Goyet gefundenen Überreste von Pferden und Rentieren wurden in der gleichen Weise bearbeitet”, erklärt Herve Bocherens von der Universität Tübingen. „Diese Nachweise lassen auf Kannibalismus unter den Neandertalern schließen”, resümiert der Anthropologe. Allerdings sei es nicht möglich festzustellen, ob die menschlichen Körperteie im Rahmen symbolischer Handlungen bearbeitet worden seien oder ob sie ausschließlich der Nahrungsversorgung dienten.
Zumindest was die Knochen verstorbener Mitmenschen betrifft, zeigten sich die Neandertaler eindeutig pragmatisch: Spuren an einem Oberschenkelknochen und drei Schienbeinen belegen, dass sie ebenso wie Tierkonchen als Werkzeuge genutzt wurden. Wahrscheinlich kamen sie zur Nachbesserung der Kanten von Steinwerkzeugen zum Einsatz, sagen die Wissenschaftler. „Der Einsatz von Neandertalerknochen für diesen Zweck war nur von sehr wenigen Ausgrabungsstätten bekannt, und nirgends wurden sie so zahlreich gefunden wie in Goyet”, sagt Bocherens.
Im Rahmen ihrer Studie analysierten die Forscher außerdem Teile der DNA von zehn Neandertalern. Sie bestätigten dadurch die Ergebnisse vorhergehender Studien, dass es bei den späten Neandertalern eine geringe genetische Vielfalt gab – sie waren eng miteinander verwandt. „Die großen Unterschiede im Verhalten dieser Menschen einerseits und ihrer geringen genetischen Diversität andererseits gibt uns viele Fragen zum Sozialleben und dem Austausch zwischen verschiedenen Gruppen der späten Neandertaler auf”, sagt Bocherens.





