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Karl XII. überrascht seine Gegner
Zu Beginn des Jahres 1700 schlug die Allianz aus Dänemark, Sachsen und Russland gegen den schwedischen König Karl XII. los. Doch die Kriegsziele der Dänen und Sachsen gerieten bald ins Wanken, allein Russland unter Zar Peter I. verzeichnete bedeutende Erfolge.
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Als die Bürger von Riga am 21. Februar 1700 einen Blick über die Mauern ihrer Stadt warfen, sahen sie eine sächsische Streitmacht von über 12 000 Mann auf sich zu marschieren. So erschreckend dies aussehen musste, blieben der Stadtrat und die schwedische Kommandantur jedoch erst einmal gelassen. Denn einfach so einnehmen ließ sich die massiv befestigte und größte Stadt des Schwedischen Reichs nicht.
Ein raffinierter Versuch der Sachsen, nach griechisch-trojanischem Muster einige in einem Wagen versteckte Soldaten in die Stadt zu schmuggeln, damit diese die Stadttore von innen öffnen könnten, scheiterte. So blieb dem sächsischen Oberbefehlshaber, Generalleutnant Jacob Heinrich von Flemming (1667–1728), nichts anderes übrig, als eine umständliche Belagerung zu befehlen.
Für den Kurfürsten von Sachsen, August den Starken, war dies ein erster Rückschlag. Relativ mühelos war den sächsischen Truppen die Eroberung der vorgelagerten schwedischen Schanzen Kobern (14. März) und Dünamünde (15. März) gelungen. Die Belagerung der Stadt Riga selbst zog sich jedoch hin.
Dänemark greift das mit Schweden verbündete Holstein-Gottorf an
1000 Kilometer weiter südwestlich setzte in diesen Märztagen eine 14 000 Mann starke dänische Armee unter Herzog Ferdinand Wilhelm von Württemberg bei Rendsburg über die Eider. Sie besetzte in den nächsten Tagen und Wochen in rascher Folge große Teile des Herzogtums Schleswig-Holstein-Gottorf und begann am 22. März, die Stadt Tönning zu belagern. Eine Bresche, groß genug, um in die Stadt durchzubrechen, wollte sich aber nicht zeigen. Man brauchte mehr Kanonen, mehr Kugeln. Auch diese Belagerung dauerte, länger als die Angreifer gehofft hatten.
Aus dem Nowgoroder Raum kommend, überschritt schließlich Mitte September ein 35 000 Mann starkes Kontingent russischer Soldaten unter Alexander Artschilowitsch Imeretinski (1674 –1711) die Grenze zu den schwedischen Provinzen Estland und Ingermanland. Seit dem 4. Oktober belagerte er die stark ausgebaute schwedische Festung Narwa, die beide Provinzen schützen sollte. Als den Angreifern am 14. November jedoch die Munition ausging, mussten die Kanonen erst einmal schweigen. Wieder war ein Projekt der antischwedischen Allianz ins Stocken geraten.
Inzwischen waren in Stockholm nicht nur die ersten Nachrichten über die dänischen, sächsischen und russischen Angriffe eingetroffen, sondern auch schon Beratungen in Gang gekommen, wie man ihnen begegnen sollte. Obwohl einzelne Mitglieder des königlichen Kabinetts einen sofortigen Entsatz für die schwedischen Festungen in Livland und besonders für die Stadt Riga verlangten, setzte sich am Ende die Meinung durch, ein Angriff auf Dänemark sei das Gebot der Stunde.
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Diese Entscheidung hatte nicht nur geostrategische Argumente für sich (Dänemark besaß die längste Grenze mit Schweden), sondern schien auch deshalb geraten, weil Dänemark zu diesem Zeitpunkt der einzige Gegner war, der die traditionelle und für die schwedische amphibische Kriegführung unverzichtbare Kriegsflotte mit Hilfe eigener Seestreitkräfte in Gefahr bringen konnte.
Auch persönliche Gründe des Königshauses und konkrete strategische Überlegungen dürften eine Rolle gespielt haben. Immerhin gehörte die Festung Tönning zum Herrschaftsgebiet der Gottorfer Herzöge, und die Ehefrau des regierenden Herzogs Friedrich IV. war die ältere Schwester des schwedischen Königs Karl XII. Hinzu kam, dass Friedrichs inzwischen verstorbener Vater einer von Karls XII. Paten gewesen war. Aber auch rein strategisch musste das Herzogtum Schleswig-Holstein-Gottorf unbedingt von Schweden gehalten werden. Nur so konnte man Dänemark sowohl von Süden als auch von Osten her militärisch in die Zange nehmen.
Das Stockholmer Kalkül erwies sich bald als kluger Schachzug. Ein im Juni 1700 auf dem Hintergrund eines schwedisch-englisch-niederländischen Defensivbündnisses vereinigter Flottenverband brachte genügend Schiffe zusammen, um der dänischen Kriegsmarine im Norden und Süden des Öresunds mit zweifacher Übermacht entgegenzutreten und die dänischen Schiffe vor Kopenhagen zu blockieren. Den dänischen Verbänden blieb nichts anderes übrig, als sich im Schutz der Kopenhagener Kanonenbatterien in Sicherheit zu bringen. An eine Verteidigung der Gewässer rund um die dänischen Inseln war nicht mehr zu denken.
Dänemark muss bereits im ersten Kriegsjahr kapitulieren
Die anschließende Besetzung von Seeland und die Belagerung Kopenhagens durch schwedische Truppen, aber auch die Tatsache, dass das dänische Hauptheer, das in den Gottorfer Gebieten stand, von Seeland abgeschnitten war und der Hauptstadt nicht rechtzeitig zu Hilfe eilen konnte, führten in kürzester Zeit zur Kapitulation der Dänen. Der dänische König Friedrich IV. sah sich gezwungen, aus der Allianz mit Polen und Russland auszuscheren und schon im ersten Kriegsjahr mit den Schweden Frieden zu schließen.
Auf die beabsichtigte völlige Vernichtung der dänischen Land- und Seestreitkräfte musste Karl XII. verzichten. Angesichts des Abzugs der englischen Flotte, die ihre Aufgabe als erfüllt ansah, wäre sie auch kaum durchführbar gewesen. Doch der Friedensvertrag von Traventhal (18. August 1700), der im Wesentlichen die territorialen Verhältnisse aus der Zeit vor dem Krieg wiederherstellte, verbot dem dänischen König, Schwedens Gegner in welcher Form auch immer zu unterstützen. Zudem musste Dänemark erhebliche Reparationszahlungen an Schweden leisten, eine deutliche Reduzierung seiner Armee hinnehmen und seine Festungen schleifen. Damit war aus Sicht der Schweden zumindest an einer Front erst einmal Ruhe eingekehrt.
Die Kapitulation Dänemarks beunruhigte den sächsischen Kurfürsten und den Zaren von Russland, Peter I., jedoch erst einmal nicht. Die Armee des Kurfürsten lag nach einem zwischenzeitlichen Rückzug im August erneut vor Riga, und Peter I. wusste während seines Einmarschs in Schwedisch-Estland noch nicht einmal, dass Friedrich IV. bereits geschlagen war.
Auch der Rückzug der sächsischen Truppen ins Winterlager im September 1700 erfolgte nicht aus Furcht vor massiven schwedischen Angriffen nach der Niederlage der Dänen, sondern war üblicher Bestandteil der damaligen Kriegführung. Man konnte eher vermuten, dass die Sachsen die Belagerung Rigas im Frühjahr fortsetzen würden.
Die relative Siegesgewissheit, die in Dresden und Moskau im Herbst 1700 herrschte, hatte vor allem mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Schweden zu tun. Karl XII. war 1697 vom Tod seines Vaters Karl XI. überrascht worden und mit gerade einmal 15 Jahren als junger und unerfahrener Herrscher an die Macht gekommen. Zwar galt er als hoffnungsvoller militärischer Anführer, man hielt ihn aber auch für einen Heißsporn und zügellosen Springinsfeld, dem jedes Gespür für militärische Taktik und politische Umsicht abging.
Auch andere Indizien sprachen aus sächsischer und russischer Perspektive für einen erfolgreichen Abschluss des Kriegs. Zwischen 1695 und 1697 hatten mehrere Missernten und Hungersnöte in Schweden dazu geführt, dass rund 100 000 Menschen starben, das entsprach zwischen sieben und acht Prozent der schwedischen Bevölkerung. Damit, so hofften die Feinde des Lands, war Schwedens Wirtschaftskraft erheblich geschwächt. Und auch die Einsatzbereitschaft der gefürchteten schwedischen Militärmacht musste darunter gelitten haben.
1697 war dann zu allem Überfluss auch noch das alte „Dreikronenschloss“ in der schwedischen Hauptstadt abgebrannt – ein böses Omen, meinten die einen, ein Fingerzeig Gottes die anderen. Jedenfalls logierten die königliche Familie und der Stockholmer Hof seither auf mehrere Paläste verteilt und versuchten, die Regierungsgeschäfte umständlich und mit unzähligen Botengängen am Laufen zu halten.
Und der junge König? Schweden wurde damals absolutistisch regiert. Der schwedische Reichstag hatte nichts zu melden. Der Monarch war die einzig entscheidende Instanz. Es kam also alles darauf an, welche Persönlichkeit er besaß – für das königliche Kabinett und die schwedische Staatsmaschinerie, aber ebenso für Schwedens Nachbarn und darüber hinaus.
Der junge König interessiert sich für alles Militärische
Allgemein wusste man, dass Karl XII. eine umfassende Bildung erhalten und schon früh Erfahrungen mit Regierungsangelegenheiten gesammelt hatte. Darauf hatte sein Vater, zu dem Kronprinz Karl offenbar ein gutes Verhältnis gehabt hatte, mit großer Sorgfalt geachtet. Den erzieherischen Maßnahmen des alten Königs war es wohl auch zu verdanken, dass sich bei Karl schon früh ein starkes Interesse für Mathematik und Fortifikation, für die Jagd, das Distanzreiten und überhaupt alles Militärische, gezeigt hatte.
Charakterlich gehörte er eher zu den zurückgezogenen, ja fast schon scheuen Naturen. Auch verzichtete er auf die zu seiner Zeit gängigen opulenten Inszenierungen absolutistischer Macht. Andererseits neigte er zu einer gewissen Sturheit und Unbelehrbarkeit. All das führte am Stockholmer wie an den ausländischen Höfen zu einer bisweilen unverhohlenen Geringschätzung des schwedischen Königs, die sich auch als platte Unterschätzung zeigen konnte.
Man war aber gut beraten, genauer hinzuschauen. Karl selbst, der ein ausgeprägtes Talent für Geographie, Geschichte und Fremdsprachen besaß, wusste trotz seines geringen Alters sehr genau über die europäischen Verhältnisse Bescheid und entwickelte ein feines Gespür für das politisch Machbare.
Letztlich war es für die schwedische Außenpolitik ein Vorteil, dass Karl XII. unterschätzt wurde. Die Erfolge in Dänemark waren dafür das beste Beispiel. Die in die Militärgeschichte als Geniestreich eines großen Kriegerkönigs eingegangene Offensive Karls XII. gegen den Erzrivalen hatte wieder einmal die erdrückende Überlegenheit der schwedischen Waffen offenbart.
Die Armee, mit der Schweden im Jahr 1700 ins Feld zog, war allerdings nicht mehr die gleiche wie noch zur Zeit Gustavs II. Adolf. Nach dem Schonischen Krieg (1674 –1695), in dem Schweden auch Niederlagen hatte hinnehmen müssen, veranlasste König Karl XI. einige wichtige Militärreformen.
Die Aktionen der Allianz geraten ins Stocken
Noch während die schwedische Hauptarmee in Seeland operierte, waren am 24. April vor Riga finnische Hilfstruppen erschienen, die die Sachsen in die Flucht schlagen konnten. Ein zweiter sächsischer Anmarsch hatte dann zu einer regelrechten Belagerung geführt. Aber nachdem der sächsische Kurfürst seine Truppen im September ins Winterlager geschickt hatte und die russische Armee in der Schlacht von Narwa (30. November 1700) von den Schweden fast vollständig aufgerieben worden war, war an eine Fortsetzung des Kriegs allein mit sächsischen Truppen nicht mehr zu denken.
Ein Treffen zwischen August dem Starken und Peter I. im Februar 1701 führte zwar zur Erneuerung des sächsisch-russischen Bündnisses, und auch Polen war angesichts beträchtlicher russischer Hilfszahlungen bereit, in den Krieg einzutreten, doch die Kriegsziele – der Zar sollte Ingermanland bekommen, August die schwedischen Provinzen Livland und Estland, schienen einstweilen in unerreichbarer Ferne.
Nach dem Sieg gegen Dänemark war Karl XII. fest entschlossen, August den Starken vom polnischen Thron zu jagen, Polen in einen schwedischen Satellitenstaat zu verwandeln, Kurland als Pufferzone für Riga und die russische Stadt Pskow als Vorposten für Narwa zu erobern. Die schwedischen Vorstöße des Jahres 1701 gingen zunächst ins russisch-livländische Grenzgebiet und richteten sich gegen Riga, das die Sachsen am 19. Juli endgültig räumten. Danach drängte man Augusts Truppen nach Kurland, Warschau und Krakau ab, um sie dort im darauffolgenden Jahr endgültig zu zerschlagen.
Die Verletzung polnischer Hoheitsgebiete traf nun zwar auch auf polnischen Widerstand. Doch zwang Karl XII. eine hastig aufgestellte Armee unter dem polnischen Magnaten und Großhetman Hieronim Augustyn Lubomirski mit der Schlacht von Kliszów (19. Juli 1702) zu einem beschämenden Rückzug. Und ein Magnatenkrieg, der sich im Rücken der schwedischen Armee zu entwickeln drohte, nützte den Schweden mehr als er schadete, weil er eine einheitliche Haltung der Szlachta gegen Schweden erschwerte.
August der Starke geriet nun sichtlich in die Defensive. Großzügige Friedensangebote, die retten sollten, was zu retten war, schlug der schwedische König entrüstet aus, solange seine zentrale Forderung, Augusts Thronverzicht in Polen, nicht Teil eines Friedensschlusses war. Weitere siegreiche Vorstöße, die im Lauf des Jahres 1703 die schwedische Kontrolle über ganz Polen und Westpreußen brachten, machten dieses Szenario immer wahrscheinlicher. Die Einsetzung eines polnischen Gegenkönigs von Karls Gnaden, Stanislaus I. Leszczy´nskis (12. Juli 1704), bildete seinen vorläufigen Höhepunkt – Litauen und Wolhynien blieben jedoch außerhalb der schwedischen Einflusssphäre.
Im Herbst 1704 konnten sächsische und russische Truppen sogar Wilna, Grodno und Minsk besetzen. Der am 18. November 1705 geschlossene Warschauer Friede zwischen Karl XII. und Leszczy´nski, der die schwedische Besetzung Polens sanktionierte, wurde von den politischen Vertretern der litauischen, weißrussischen und wolhynischen Gebiete folglich nicht anerkannt – ebenso wenig wie von August dem Starken und Zar Peter. Die Schlacht von Gemauerthof (16. Juli 1705) gegen ein russisches Heer brachte dann zwar weitere schwedische Bodengewinne, doch büßten die Schweden durch die russische Besetzung Kurlands im September 1705 auch erheblich an Territorium ein.
August der Starke muss in Polen-Litauen abdanken
Die Waagschale senkte sich erst auf die Seite des Schwedenkönigs, als er in der Schlacht von Fraustadt (13. Februar 1706) eine vereinigte sächsisch-schweizerisch-französisch-russische Armee in die Flucht schlug, danach ganz Sachsen besetzte und schließlich dem Kurfürsten im Schloss von Altranstädt den Frieden (24. September 1706) diktierte. August wurde endgültig abgesetzt, Leszczy´nski als König von Polen bestätigt. Der Kurfürst musste versprechen, keine weiteren Bündnisse mit Russland einzugehen, und das Kurfürstentum wurde verpflichtet, für den Unterhalt der schwedischen Besatzungsarmee aufzukommen. August sollte sich außerdem dafür einsetzen, dass der Kaiser, Großbritannien, die Vereinigten Niederlande und einige andere Staaten dem Friedensvertrag als Garantiemächte beitraten.
Im Windschatten des schwedischen Kriegs in Polen und Sachsen hatte Russland weitgehend ungestört eine neue Armee aufgestellt, eine hochseetaugliche Flotte vom Stapel gelassen und Schwedisch-Ingermanland sowie Teile von Livland erobert. Bereits 1702 hatten russische Truppen die schwedischen Feldarmeen in Livland geschlagen. Im gleichen Jahr waren die Festungen Wolmar, Marienburg und Nöteborg am Ladogasee gefallen; 1703 zudem Nyenskans an der Newamündung sowie Jamburg und Koporje in Ingermanland. Nur die Belagerung Viborgs im Juli 1703 war gescheitert – wie übrigens auch mehrere schwedische Angriffe auf die neugegründete russische Flotten- und Handelsstation Sankt Petersburg in den Jahren 1705 und 1706.
Nach dem für Schweden überaus vorteilhaften Altranstädter Friedensschluss berieten Karl XII. und sein Kriegskabinett, wie es weitergehen sollte. In Livland und Estland waren 1707 nur noch die Städte Riga, Reval, Pernau und Arensburg (auf der Insel Ösel) in schwedischer Hand. Dennoch lehnte Karl mehrere Friedensangebote des Zaren in diesem Jahr ab, weil er befürchtete, dass Peter I. nicht allein, wie er beteuerte, auf Ingermanland bestehen würde, sondern sich auch Livland und Estland einzuverleiben gedachte.
Sollte man sich also auf die Verteidigung der Ostseeprovinzen konzentrieren – oder lieber direkt gegen den Zaren vorgehen? Die Entscheidung, die Karl XII. schließlich traf, sollte den bisherigen Kriegsverlauf auf den Kopf stellen.
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